Posts mit dem Label München werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label München werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Dienstag, 10. April 2012

Frostige Nächte und herzliche Begegnungen

Münchener Tage

Nach meinem Aufenthalt bei dem Warmshowers-Kontakt in München fuhr ich am dritten Tag nach Maisach-Germerswang zu meinen nächsten Gastgebern, die mich freundlicherweise für weitere zwei Tage aufnahmen. Auf dem Radweg traf ich auf eine junge Frau mit blonden Haaren und schickem Rennrad. Wir wollten beide Richtung Fürstenfeldbruck, aber nicht über die vielbefahrene Bundestrasse. Sie kannte sich ein wenig aus und so fuhren wir zusammen die 10 km bis kurz vor Fürstenfeldbruck. Natürlich fragte sie gleich nach meinem vollbepacktem Fahrrad, wo ich herkomme, wieviel Kilo Gepäck, der übliche Small Talk halt, wie so oft in den letzten Monaten. Aber ich mache das immer wieder gerne, auch ich tausche mich gerne aus, bin neugierig, stelle Fragen. Vor rund 2 Jahren, als ich noch ein absolutes "Greenhorn" in Sachen Tourenradler war, fragte ich diverse Weltumradler per email und am Telefon Löcher in den Bauch. Heute gebe ich gerne etwas von meinen gewonnenen Erfahrungen ab und freue mich immer, wenn ich weiterhelfen oder inspirieren kann. Am Ende verabschiedeten wir uns, ohne die Namen voneinander zu erfahren haben, etwas, was mir während der Tour sehr oft passierte. Sie erwähnte noch, dass sie im Sommer vor hat, mit dem Mountainbike eine Alpenüberquerung zu machen, 10.000 Höhenmeter in wenigen Tagen. Respekt. Ich gab ihr meine Blogadresse und wünschte Ihr für Ihr Vorhaben alles Gute.

Nachtrag: Carolin, so der Name der jungen Radlerin, hat sich mittlerweile per email bei mir gemeldet. Sie bedankte sich für diese kurze Begegnung, die sie sehr inspiriert hat. Sie war sich noch nicht ganz sicher, ob Sie die Transalptour wirklich machen sollte, leise Zweifel und Ängste mischten noch mit. Unser Gespräch hätte ihr den entscheidenden Impuls gegeben. Außerdem fand Sie meine Reiseerzählungen so spannend, dass Sie nach ihrem Studium eine einjährige Auszeit nehmen will, um mit dem Rad die Welt zu erkunden.
Ich kann das nur begrüssen und wünsche Ihr eine spannende und erfahrungsreiche Zeit.

Michael und Petra aus Maisach


An einem Samstag und dem 13. Tag dieser Rückreise, verliess ich nach 4 Tagen am späten Nachmittag die heimliche Hauptstadt an der Isar, im leichten Nieselregen und mit vielen neuen Eindrücken im Herzen. Hinter mir lag ein spannender und schöner Tag mit einer alten Bekannten, einer mittlerweile zu einer guten Freundin gewordenen Reisebekanntschaft. Wir lernten uns vor über einem Jahr in Indien kennen. Nach wenigen Kilometern schlug ich mein Zelt in der Nähe von Unterföhring auf. Auf einer Wiese neben einer kleinen Kappelle. Eine der kältesten Nächte der ganzen Tour wartete auf mich.

Tag 14: Unterföhring - Ingolstadt

Am Morgen war gefrorener Raureif auf meinem Zelt. In der Nacht waren es bestimmt einige Grad unter Null und der Schlafsack kam in seinen Grenzbereich. Aber nicht meine Stimmung. Ich war nachwievor voller Elan und Tatkraft. In einer halben Stunde war mein Lager abgebaut und um 8 Uhr sass ich schon auf dem Rad. Da mir der "Warmshowers-Kontakt" in Ingolstadt kurzfristig absagte, schlug ich kurz vor Ingolstadt, in einem kleinem Dorf, mein Zelt hinter dem Feuerwehrhaus auf einem Spielplatz auf. Zelt aufbauen, Wasser besorgen, Nudeln kochen, in den kalten Schlafsack schlüpfen und hoffen das ich diesmal nicht die ganze Nacht durchzittern würde.



Tag 15: Ingolstadt - Nürnberg

Wieder eine frostige Nacht. Und wieder eine kleine Begebenheit, die mich trotz schon soviel Erlebten, fast zu Tränen rührt. Was hatte ich noch vor gut einem Jahr alles für Bedenken und Ängste. Insbesondere was das "Wild campen " in Deutschland angeht. Auf soviele Bedenkenträger bin ich gestossen, die mich vorwarnten: betrunkene Jugendliche überfallen dich nachts, die Polizei verhaftet dich, dein Fahrrad wird geklaut, aufgebrachte Anwohner verscheuchen dich. Ich musste meine eigenen Erfahrungen machen, musste durch meine eigenen, eingeredeten Befürchtungen hindurch. Um als Resultat heute weitesgehend angstfrei zu sein, zumindest was das wild campen angeht, aber nicht nur dort. Zur Veranschaulichung möchte ich eine alte Analogie heranholen. Zugegeben, eine banale, oft bemühte und ziemlich abgedroschene. Aber doch zum Verständnis sehr passende. Es ist der alte Vergleich, die alte Wahl, zwischen der Sichtweise auf die Dinge: Ist das Glas Wasser halb voll oder halb leer?

Jahrelang gehörte ich zu der "Halbleer Fraktion". Heute definitiv zu der "Halbvoll". Es ist eine Frage, worauf man seinen Fokus und seine Aufmerksamkeit lenkt.  Bin ich im Vertrauen und in der Gelassenheit verankert, darauf das in 9 von 10 Fällen "alles gut" geht, sich niemand beschwert, mich niemand belästigt, mich niemand verhaftet? Jetzt schreien die Bedenkenträger " Aber wenn einmal, dann ist es zu spät." Ja, Wenn! Aber mein innerer Fokus liegt auf der Mehrzahl der Fälle, wo nichts passiert ist. Anders, ich denke darüber gar nicht nach. Weil darin liegt der Hund begraben, im Hirn, beim Grübeln, Nachdenken über "Aber es könnte ja..".
Das ist keine Einladung zum Leichtsinn. Wenn eine Horde betrunkener Jugendlicher auf dem Spielplatz gewesen wäre, deren Hemmschwellen heutzutage sehr niedrig geworden sind, hätte ich mein Zelt irgendwo anders aufgeschlagen. Wobei, das sei auch gesagt, man kann das nie pauschal im voraus sagen.

 Egal in welcher Situation, es ist ein sekundenschnelles Abwägen, ein Gespür, ob eine Situation heikel werden könnte. Aber auf der Basis von Vertrauen, Zuversicht und Gelassenheit. Und ich glaube, dies ist der Grund dafür, das es auf meinen Reisen immer wieder zu solchen Situationen kommt, wie diese: Gerade als ich mein Zelt verstaut hatte, dabei war, die Packtaschen an das Rad zu hängen, drehe ich mich um, und sehe plötzlich eine Frau vor mir stehen. Ich schaue in ein freundliches Gesicht und sehe eine Tasse Tee in Ihrer Hand: "Hier bitte, für so einen hartgesottenen Mann. Sie können dann die Tasse vor die Garage stellen." Die Frau kam von dem gegenüberliegenden Haus und hatte mich bestimmt schon am Vorabend gesehen. Ich bin überwältigt und bedanke mich. Mit klammen Fingern setze ich mich auf die Bank und umschliessen mit beiden Händen die wärmende Tasse. Henry Miller notierte einmal: " Leben ist, was uns zustößt, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben."

Der frostige Morgen begrüsst mich einem strahlendem Himmel, mit leichten Schleierwolken und den ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Grundsätzlich gehe ich jeden neuen Tag auf dieser Radtour mit der Leichtigkeit und der Freiheit an, die Dinge sich entwickeln zu lassen, sie so zu nehmen wie ich sie vorfinde und nicht wie ich sie gerne haben möchte. Trotzdem, ein paar Dinge habe ich mir vorgenommen. Eines davon ist, unser soziales Netz von ganz unten kennen zu lernen. In Innsbruck war ich bei einer Armenspeisung. Nun, als ich Ingolstadt erreiche, gehe ich in eine Straßenambulanz. Aus zweierlei Gründen: einmal um mich selbst als bewusst einfach Reisender mit dem Nötigsten zu versorgen, soweit möglich, zum anderen, um zu sehen wer in solchen Einrichtungen ein und ausgeht, um eigene und gesellschaftliche Klischees und Vorurteile zu sprengen oder zu bestätigen. Wobei meistens das Erstere zutrifft.
So auch hier. Gleich werde ich freundlich von dem stellvertretenden Leiter, Oliver, begrüsst. Zuerst denkt er, ich sei ein Obdachloser und möchte meine Daten aufnehmen. Wir gehen dann nebenan in den Behandlungsraum und reden ein wenig. Ich erzähle ihm von meiner Tour und was ich mir für die Rückfahrt alles vorgenommen habe. Er ist gleich begeistert und offen, bietet mir sofort an, das ich mich im Lebensmittellager frei bedienen kann.

Die St. Franzikus Straßenambulanz in Ingolstadt wurde 2005 von dem  Franziskaner Martin Berni gegründet. Heute nennen ihn alle nur "Bruder Martin". Zusammen mit seinem engagierten und toughen Mitarbeiter Oliver leitet er diese Einrichtung, die sich komplett aus Spenden finanziert und somit unabhängig ist von kirchlichen Sozialverbänden wie die Caritas, wo oft mehr Bürokratie vorhanden ist, als schnelles Helfen ohne langes Fragen. Er zeigt mir das ganze Haus. Es gibt eine ärztlichen Behandlungsraum, der so modern und grosszügig ausgestattet ist, wie in einer Arztpraxis. Eine grosse Wärmestube, wo es Tee und Kaffee gibt und wamre Mahlzeiten, eine Notschlafstelle mit 4 Betten, betreutes Wohnen. Jeder wird aufgenommen. Es sind nicht nur Obdachlose, wie man gemein hin meint. Oliver erzählt mir einige Geschichten. Ex-Inhaftierte, die frisch aus dem Knast kommen und nirgends unterkommen. Drogenabhängige. Zum betteln gezwungene, behinderte Sinti und Roma ("Bettlermafia"), die stundenlang an eine Ecke gestellt werden. Frauen die von ihrem tyrannischen Ehemann fliehen. Ein Mann, der im Selbstversuch von München nach Nürnberg komplett ohne Geld wanderte, abends in Restaurants nach Essensresten fragte, behandelt wurde, wie ein Leprakranker, und schliesslich von einem asiatischem Schnellrestaurant ein frisch zubereitetes Essen bekam.

Oliver gefällt mir. Er ist schlagfertig, intelligent und hat keine Angst einen klischeebeladenen Oberbürgermeister bloßzustellen. Dieser besuchte die Einrichtung einmal und meinte lapidar zu ihm" Naja, ist ja ganz schön, das es soetwas gibt, aber eigentlich brauchen wir solche Einrichtungen ja nicht, es gibt ja Hartz IV." Oliver ging mit ihm in die vollbesetzte Wärmestube und fragte in die Runde:" Wer von euch bekommt alles Hartz IV". Lautes Gelächter. Der Bürgermeister wird knallrot und wechselt schnell den Raum. Auch von einem Audimanager berichtet er mir, der 8.000€ Boni bekommen hat und nicht weiß, was er mit dem vielen Geld anfangen sollen. Er kann es zwar gut für die Familie gebrauchen, fühlt sich aber innerlich so "leer". Er kommt in die Einrichtung, spendet 1.000€, spielt mit den Obdachlosen eine Stunde "Mensch ärgere dich nicht" und verläßt anschliessend die Einrichtung mit einem anderen Gefühl.
Nach gut einer Stunde verlasse auch ich die Einrichtung, mit einer Packung Reis, Linsen und Schokokeksen auf dem Arm. Und wieder einmal mehr mit dem Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein. Vor der Ambulanz machen wir noch ein paar Fotos und verabschieden uns dann herzlich, nicht ohne vorher die emailadressen ausgetauscht zu haben.



Es ist schon spät am Mittag als ich Ingolstadt verlasse, aber der Aufenthalt hat sich gelohnt. Nun heisst es Gas geben. Heute möchte ich es bis nach Nürnberg schaffen. Dort warten nämlich zwei Gastgeber auf mich, natürlich mal wieder "Warmshowers", die mich schon auf der Hinfahrt beherbergt haben. Und wo ich mich von meinem Magen-Darm-Infekt erholen konnte. Es sollte die längste Tagesetappe während all meiner Radreisen werden. Nach 130 km kam ich völlig erschlagen, spät abends um 22.30, bei Helmut und Sabine an, die extra auf mich warteten. Mit Brot, Käse und Apfelsaftschorle konnte ich mich von diesem "Höllenritt" erholen und nebenbei von meinen Erlebnissen erzählen. Um 1 uhr nachts falle  ich dann tot auf die Schlafcouch. Ein weiteres Beispiel von so oft erlebter Gastfreundschaft. Nochmals lieben Dank, Helmut und Sabine.









Mittwoch, 28. März 2012

Im Schneegestöber nach Deutschland

Tag 8: Wiesing -Lenggries

Früh am Morgen geht es wieder los. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich nix gutes. Nieselregen, der teilweise in Schnee über geht. Wir sind hier auf gut 900 Metern. Ich rüste mich aus mit Regenhose und Gamaschen. Nach weiteren 3 km habe ich den Anstieg geschafft. Mittlerweile ist der Regen in richtigen Schneefall übergegangen. In der Tourist-Info von Murach am Achensee wärme ich mich zuerst mal auf. Für einen Tag ist der Winter noch mal ausgebrochen, zumindest hier oben. Es gibt einen Radweg entlang des Sees, den ich aber nicht nutzen kann, da dort noch gut 1 Meter Schnee liegt. Also wieder Landstrasse, was mir ja auch grundsätzlich nichts ausmacht. Ich bin hart im Nehmen, aber muss mich ja nicht unnötig schinden. Zumal es morgen wieder viel besser werden soll. So fange ich schon am frühen Nachmittag an, nach einer Unterkunft zu suchen. Natürlich fällt zelten wieder aus, hier liegt noch mehr Schnee als weiter unten.

Am Achensee in Österreich
 
In Achenfeld frage ich bei den ersten Vermieter von Privatzimmern nach. Dreimal erhalte ich ein Nein, noch nicht mal im Keller, oder im Schuppen, das alte Spiel, ohne Moos nix los,nach dem Motto, mir schenkt auch keiner was! Ok, dann fahre ich einfach weiter, vielleicht ist es noch zu früh. Nach Achenwald überquere ich die Grenze zu Deutschland. Nach 6 Monaten hat mich mein Heimatland wieder. Hurra! Nein, eher nicht. Zumindest nicht gleich. Man mag es mir kaum glauben, aber als ich die ersten Meter auf deutschen Boden fuhr, eine ruhige Landstrasse entlang des Sylvensteinsees, da durchfuhr mich für einen kurzen Moment eine innere Kälte. Draussen war es kalt, ich hatte nasse und klamme Finger, aber gleichzeitig zog sich für einen Moment mein Herz zusammen. Zurück im Land der sozialen Kälte, der Isolierung und Abgrenzung!? Das waren meine ersten Gedanken, obwohl mir schon klar ist, das dies nicht für alle gilt, aber für einige.




Diese soziale Kälte bekam ich gleich zu spüren. Ok, ich wollte es auch gleich herausfinden, ob sich meine innere Wahrnehmung mit der äußeren Realität deckt? Ich war ja immer noch auf der Suche nach einem Schlafplatz. Im ersten Kaff auf meinem Weg steuere ich einen Gasthof an. Vor dem Haus steht ein Auto. Ich betrete die Gaststube und trefe auf die Wirtin. Eine ältere Dame um die 60. Ich erzähle meine Story, das ich auf dem Rückweg von Griechenland bin, mit 5€ am Tag reise und prinzipiell überall schlafe, egal ob im Keller, in einer Kammer oder im Stall. Die 30€ für ein Privatzimmer hätte ich aber nicht. Ihr Blick schweift in die Leere, ein kurzer Moment des Schweigens, dann sagt Sie: "Nein, da gibt es keine Möglichkeit". Ich bin müde, habe nasse Finger und mir ist kalt. Der Gastraum ist leer, das ganze Haus wird leer sein, keine Menschenseele verirrt sich um diese Jahreszeit in dieses verschlafene Kaff. Ich merke wie es bei mir innerlich steigt. Nicht so sehr, weil  ich jetzt weiterfahren muss, der nächsten Person genau das gleiche erklären muss und wieder in ein gespanntes und leeres Gesicht blicken werde, nein, in mir steigt eine Mischung aus Frustration, Wut und Verständnislosigkeit auf. Sätze fallen, wie diese: "Mir zahlt auch keiner die Rechnung für den Strom". "Ich muss mir meinen Urlaub auch eisern absparen". "Mich fragt auch keiner wie es weitergeht."

 Ich kann es einfach nicht verstehen. In diesem Moment wird mir klar, dass es einige Zeit dauern wird, bis ich mich wieder an mein Heimatland gewöhnt haben werde. Warum werden in Ländern wie Bulgarien, Rümanien, der Türkei, Iran oder Pakistan, Reisende von der Strasse aus in das eigene Haus eingeladen, eine arme Bauernsfamilie mit 6 Kindern, die von der Hand in den Mund lebt. Zur Not wird das letzte Huhn geschlachtet, die Kinder in den Stahl verfrachtet, damit der Reisende eine ruhige und erholsame Nacht im Bett verbringen kann??  Warum werden in einem Land, das es sich leisten kann, mit Brot zu heizen und die Hälfte aller hergestellten Lebensmittel weggeschmissen werden, Reisende, die bewusst mit wenig Geld reisen, wie Penner und Schmarotzer angesehen und bekommen keinen Schlafplatz in einem leerstehenden Haus?

Mir ist schon klar, das dies mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Entwicklungsebenen zu tun hat, auch mit religösen und kulturellen Hintergründen, aber trotzdem, die einen haben materiell gesehen rein gar nichts, die anderen haben alles im Überfluss. Diese ganzen Sätze, wie "Mir hilft auch keiner", sind meiner Meinung nach Ausflüchte, ja, im Grunde Hilfeschreie eines isolierten, abgrenzten Ich's, einer Kultur der Ellenbogen, sei dir selbst am nächsten, wenn ich kein Geld mehr habe verhungere ich, das Haus ist weg, und vieles mehr. Überkompensationen und Rationalisierungen eines subtilen, alle Lebensbereiche durchströmenden Gefühls: einer tiefsitzenden Existenzangst gepaart mit einem Gefühl der Ohnmacht. Erich Fromm sprach in diesem Zusammenhang einmal von der " Furcht vor der Freiheit". Materiell gesehen haben wir alle Freiheiten, können tun und lassen was wir wollen, so meinen wir, und sind doch so gefangen in unseren eigenen Fesseln der Isolation, der Angst und der Ohnmacht. Der anatolische Kartoffelbauer scheint im Vergleich dazu so arm zu sein, und ist in Wirklichkeit innerlich viel freier, als der Unternehmensberater mit seinem Porsche Cayenne und seiner Rolex am Handgelenk. Innere Leere und Sinnlosigkeit wird durch äußere Status- und Besitztümer überdeckt. Es geht mir nicht um Grabenkämpfe, Bonze da oben, Hartz IV-Empfänger da unten, wer ist besser oder wer ist schlechter, es geht um ein Verstehen der wahren Motive und Hintergründe und ein abbröckeln einer scheinbar sicheren und heilen Fassade.

 Ich möchte nicht betteln, ich möchte kein geheucheltes Mitleid, ich möchte hinter diese Fassade gucken, möchte den spröden Putz ein wenig abhauen, um dann dahinter den wahren Menschen zu sehen, mit all seinen Ängsten und all seinen Sehnsüchten. Nach so vielen unterschiedlichen Begegnungen in den letzten Jahren, würde ich dies als einen der Hauptgründe für meine Reisen nennen, ich kann nicht eine Birke von einer Eiche unterscheiden, aber ich kann mittlerweile ganz gut hinter die "menschlichen Masken" schauen!

Natürlich auch hinter meine eigene. Und so weiß ich, das ich in solchen Situationen sehr schnell patzig, forsch, ja zuweilen auch dreist werde. " Das müssen Sie mit Ihrem Gewissen ausmachen", ist mein letzter Satz, bevor ich die Tür von aussen wieder zu mache.  In Lenggries geht das Spiel bei drei weiteren Privatunterkünften weiter. Und in der Jugendherberge. Die Frau ist sehr nett, humorvoll und würde mir sofort einen Platz im Aufenhaltsraum zur Verfügung stellen. Leider ist die Herberge noch geschlossen, nach der Büroarbeit ist Sie wieder weg. Also stecke ich auf. Wenn es nicht so nasskalt gewesen wäre, hätte ich einfach mein Zelt auf einer Wiesen aufgeschlagen. So lande ich in einem typischen bayerischen Gasthof, mit einer Bedienung im Dirndl und Schweinsbraten als Tagesempfehlung. Der Wirt kommt mir sehr entgegen und so zahle ich fast die Hälfte des eigentlichen Zimmerpreises, auch wenn dieser immer noch um das vierfache über meinem Tagesbudget liegt.

Tag 9: Lenggries - München
Gesamt-KM: 4.198

Es gibt ja immer noch das Thema "Wegwerfgesellschaft" auf meiner Rückfahrt. In Wolfrathshausen frage ich bei Tengelmann nach aussortierten Lebensmitteln. Die nette Mitarbeiterin erklärt mir, dass Sie Anweisung von der Zentrale haben nichts rauszugeben! Ein grosser Teil geht zwar zu den Tafeln, aber viel landet noch in der Tonne. Ich bin fassungslos. Sie meint noch, das Sie das selber nicht verstehen kann und wenn mehr Menschen darauf aufmerksam machen würden, würde sich vielleicht daran etwas ändern. Eben ist Sie einem begegnet, der genau dies machen möchte!

In München habe ich für heute einen sicheren "Warmshowers-Unterkunft" und so freue ich mich auf eine weitere Nacht in einem warmen Zimmer und Austausch unter erfahrenen Tourenradler. Mein freundlicher Gastgeber, Daniel, lebt in der Säbener Strasse, also dort, wo der grösste und reichste Fußballverein Deutschlands seinen Hauptsitz hat. Da ich früh am Nachmittag schon da bin und erst abends in die Wohnung kann, mache ich einen kleinen Abstecher und schaue mir diesen Protz einmal an. Ich war nie ein richtiger Fußballfan, obgleich ich schon ein wenig mit den Bayern sympathisierte. Heute ist mir das völlig schnurz.
Profis sehe ich keine, aber als ich an der Bande lehne, fährt K.H. Rummenige mit seinem Audi A8 an mir vorbei. Ich vertreibe mir ein wenig die Zeit auf dem Gelände, auf dem man überall erkennen kann, das hier viel Geld im Spiel ist. Allein schon an den reservierten Parkplätzen für Hoeneß, Nerlinger und Co. und einem Audi A8 und Q7 nach dem anderem.

Tag 10 - 13: Aufenthalt in München

Ruhige und aufregende Tage in München. Die ersten 2 Nächte bin ich bei meinem Warmshowers-Kontakt.  Dann ziehe ich um nach Maisach, wo ich bei dem netten Ehepaar Michael und Petra unterkomme. Ein Kontakt über Facebook und über die örtliche Occupygruppe, ein weiteres Thema mit dem ich mich auf meiner Rückfahrt auseinandersetzen wollte. Ich erlebe viel Gastfreundschaft, Herzlichkeit und Verständnis, werde zum Essen eingeladen, habe ein eigenes Zimmer, viele Gespräche und manche Begegnungen. Nach vier Tagen verlasse ich an einem Samstag München. Im Regen und mit einigen Erfahrungen und Erkenntnissen mehr im Gepäck. Nun geht es streng Richtung Norden, Ingolstadt, Nürnberg, Forchheim und dann ist die Tour auch schon bald vorbei. So langsam schleicht sich ein Gefühl  von Wehmut und Vorfreude ein, eine Freude und Spannung, all das Erlebte in einen neuen Alltag zu transformieren.

Marienenplatz München





Update: Aktuelle Position