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Freitag, 23. März 2012

Berge und Gammler

Tag 4: Trento - Bozen

Wieder ist mir das Wetter gut gesinnt, nach dem Frühstück bei Antonella, starte ich mit blauem Himmel gen Bozen. Nun wird es langsam bergig. Ich habe mir Karten und Informationen besorgt. Bis nach Bozen ist es ein Katzensprung, Flachetappe, entlang der Etsch auf dem Radweg bis zur der Stadt, wo Özi in einem Museum liegt. Nach Bozen beginnt das Eisacktal und der Aufstieg zum Brennerpass. Aber nach allem was ich bisher gehört habe, soll die Überquerung nicht so dramatisch sein, sanfte, langgezogene Anstiege. Ich werde es morgen sehen.

Vor Auer treffe ich auf Rüdiger. Eine Begegnung mit Folgen! Auf einem Typ wie Rüdiger habe ich 2 Jahre gewartet! Ich erkenne ihn von weitem auf dem Radweg. Er schiebt sein Fahrrad, das ähnlich beladen ist wie meins. Endlich, so denke ich, der erste Kontakt zu einem Reiseradler. Ich halte neben ihm und spreche ihn an.  Rüdiger ist Deutscher, Ende Fünzig, Vagabund, Landstreicher, oder reisender Obdachlose, wie man es nennen will? Sonnengegerbtes Gesicht, lange Haare über den Ohren, auch wie ich, zumindest momentan.  Er kann nicht weiterfahren, sagt er zumindest, seine Reifen sind total abgefahren, er braucht neue. Fahren könnte man trotzdem, denke ich mir, zumindest auf dem flachen Stück. Also schieben wir ein Stück zusammen. Dann fängt er an zu erzählen. Seit 30 Jahren auf der Strasse. Kommt gerade aus Griechenland zurück, wo er im Winter immer von Deutschland aus hinfährt. Von der Mani, er nennt einen Ort, den ich kenne.Welch ein Zufall!  Dort hat er angeblich "Freunde", bei denen er immer bleiben kann. Vorstellen kann ich es mir, auf der Mani leben viele Überlebenskünstler, sie war und ist es zum Teil immer noch ein Magnet, für Aussteiger, für Unzufrieden, für Systemhasser, für Einfachlebendwollende, für Naturverbundene. Wild, rauh, felsig, höhlig, dünn besiedelt, die idealen Voraussetzungen. Also eigentlich genau das Richtige für mich??

Bis vor 4 Monaten hätte ich aus vollem Halse, Ja, gebrüllt. Meine romantische, idealistische Phase. Nun nähert sie sich ihrem Ende. Zurück zu Rüdiger. "Schau dich um" meint er " hier ist alles kaputt, alles verbaut, umzäunt, abgesperrt. Das ist doch krank, das ist Boden, Land, dem gehört niemanden, ausser der Natur, und da kommen so ein paar Typen und bauen einen Zaun drum". Ich nicke. "Warum führst du so ein Leben" frage ich mit grosser Neugier und ein wenig Eigeninteresse. " Ich will das alles spüren, die Natur, die Vögel, die Sonne, das Rauschen des Flusses, ohne diesen kaputten Zeug dieser Angepassten, den Autos, den ganzen Technikscheiss." Wieder nicke ich. Vor 30 Jahren kam er als Hippie auf die Mani, so erzählt er, mit seiner Freundin, langen Haaren, wenig Geld und viel Idealismus. Der Traum einer neuen, heileren Welt, Tod dem Autoritären, dieses kaputten Welt. Dann kam sein Sohn auf die Welt. Es kommen andere Aussteiger zu Besuch, im Dorf beginnt das Gerede. Sie werden gemieden. Der Pfarrer kommt und will den Sohn taufen, Rüdiger vertreibt ihm vom Grundstück. Dann geht die Frau und nimmt den Sohn mit. Der ist mittlerweile Ende zwanzig und hat keinen Kontakt mehr zu seinem Vater.

"Diese Bananenrepublik Deutschland" fährt er fort " die lassen sich alle verarschen, darauf habe ich keinen Bock". Ich höre weiter zu, stelle immer wieder mal Verständnisfragen. Erste Widersprüche stechen durch.  Zu Beginn erzählt er mir, dass er Alkoholkrank sei. Als ich ihn frage, wie er zu seinem Stoff kommt, meint er, "ach, das Übertreibe ich extra, wenn mich diese Normalos fragen. Bediene ihr Klischee, alles Säufer. Ich trinke mal mit einem "Bruder" ne Flasche Bier, das wars." Er schimpft auf diese "Bananenrepublik, geht aber in Deutschland regelmäßig aufs Amt und holt sich seine 12€ Tagesstütze ab. "Die Hälfte brauche ich nur, den Rest spare ich, um im Winter immer abzuhauen in den Süden." So, 1.000€ kriegt er damit zusammen, auch durch Gelgenheitsjob: "Ah gute Frau, der Garten müsste aber mal wieder umgegraben werden."  Vor Jahren hat er einmal seinen Reisepass verbrannt. Im Ausland! Nach einer Woche hat er es bereut.
"Von was lebst du zur Zeit". "Ich gehe in Bäckereien, Metzgereien, frage nach einem Stück Brot, oder einem Stück Schinken. Auf Kreta habe ich mal 2 Wochen nur Apfelsinnen gefressen, ah ich kann dir sagen, da scheisst du nur die Schalen wieder raus." Einmal sass er an einer Bushaltestelle auf Kreta, plötzlich hält ein Auto. Ein Deutscher, der ihn aber auf Englisch anspricht, fragt ob er ein Problem hat. "Nein nur Hunger".  Der Deutsche drückt ihm einen 100 Mark Schein in die Hand. Er gönnt sich ein Festmahl!

Er glaubt ihn mit einen Verbündeten gefunden zu haben, einen "Bruder". Ich erzähle ihm von der Idee des Grundeinkommens, was er davon hält, dann müsste er nicht mehr betteln. " Nee, das will ich nicht, ich wache morgen früh auf und bekomme auf die Schultern geklopft für mein freies Leben. Nee, die sind dort, ich bin hier, ich brauche mein Feindbild!"

 Das ist der sprinngende Punkt. Und hier beginnt meine Geschichte, hier beginnt der grosse Unterschied. Bis vor 4-5 Monaten hätte ich einen Rüdiger noch auf die Schulter geklopft "du hast es erkannt, all die Zombies, diese modernen Sklaven. Rennen materiellen Illusionen hinterher und sind innerlich so leer und ausgebrannt."
Nun bin ich aber durch eine innere Transformation gegangen, habe meine idealitische/romantische Ader transformiert, heisst, umschlossen, integriert und weiterentwickelt. So glaube ich zumindest. Rüdiger ist auf einer prämodernen Entwicklungsebene und wird dort auch bleiben. Er braucht sie wie die Luft zum atmen, er braucht sein Feindbild, seinen Systemhass, um sich jeden Tag sein "erfülltes,erspürtes Leben " zu rationalisieren. Und um wahrscheinlich seinen tiefen Verlust und Trennungsschmerz von seinem Sohn und seinen Wurzeln zu kompensieren?! Ja wir haben grosse Probleme im derzeitigen System, ja es ist wichtig das Menschen darauf aufmerksam machen. Aber warum mit nagendem Hunger, mit eisiger Kälte und einem ewigem Feinbild? Rüdiger möchte nichts verändern, er möchte nach aussen nur verachten, hassen, und damit seinen eigenen Selbsthass übertünchen. Er möchte der "edle Wilde" bleiben, zurück zu den Wurzeln, verbunden mit der Natur, und der Rest ist ganz egal und ganz kaputt. Ja ich möchte das auch, verbunden sein, mit der Natur, mit dem Herzen, mit dem Sein,  aber aus einem modernen bzw. postmodernen Standpunkt heraus. Und vor allem ohne Selbsthass und ohne Feinbilder. Die haben wir genug und die sind das Übel für vieles.  Ich setze mich Hunger, Kälte, Einsamkeit, Wind und Wetter aus, aber freiweillig und vorübergehend. Um etwas aufzuzeigen, um darüber zu berichten, und sich wieder auf einen vollem Magen und einer sicheren Bleibe zu freuen. Und den Errungenschaften einer modernen Kultur. Das wurde mir während des Gesprächs mit ihm  klar, so vollkommen klar, der Unterschied zwischen einem Landstreicher Rüdiger und einem Reisenden mit wenig Geld. Er haßt das System und die Leute darin, ich versuche Probleme zu erkennen und zu benennen, die Menschen zu verstehen, warum sie so handeln, wie sie handeln. Und dafür danke ich ihm. Kurz bevor ich weiterfahre, ruft er mir noch nach: " Schieb den Brenner frei". Gute Reise.

In Bozen steuere ich das Kolpinghaus an. Und hier erlebe ich einen weiteren Beweis, was es heisst mit einem offenen Herzen, grossem Vertrauen und einer inneren Ausgeglichenheit zu reisen. Es sind diese Seelen, wie der Mann an der Rezeption, auf die ich immer wieder auf meinen Reisen treffe, die durch eine Verkettung von Umständen und Zufällen, am rechten Ort und Stelle sind, und mir Türen öffnen. Wie üblich erzähle ich dem älteren Herrn mit freundlichem Gesicht meine kleine Story, das ich max. 5€ zahlen könne, und prinzipell überall schlafen kann. Ich spüre gleich eine Art Aufgeschlossenheit. Zusammen gehen wir in den 1. Stock zum Geschäftsführer. Nochmal trage ich mein Anliegen vor. Er willigt ein, wünscht mir eine gute Reise und sagt der Mann von der Rezeption wird mir einen Raum zeigen. Dusche gibt es keine, aber WC und Waschbecken. No problem. 20 Minuten später blase ich in einem Kellerraum der beheizt ist und Sitzmöglichkeiten hat, meine Therma-Rest-Matte auf und breite meinen Schlafsack aus. Die "Menschenseele" von der Rezeption hat mir vorher noch einen Bon für das Frühstück zugesteckt. Er ist selbst Radfahrer, abends unterhalten wir uns ein wenig und dann organisiert er mir sogar noch einen Schlafplatz im Kolpinghaus in Sterzing, das ich morgen erreichen werde.

Tag 5: Bozen - Sterzing

Ich musste noch nicht einmal die 5€ zahlen. Die Kolpinghäuser haben eine lange Tradition und wurden ursprünglich von Adolf Kolping für die Wandergesellen gegründet. Heute sind es überwiegend Hotels, die sich finanzieren müssen, aber trotzdem noch einen christlichen und sozialen Hintergrund haben und versuchen diesen in einer Gesellschaft in der sich alles um das Geld dreht, noch umzusetzen.

Die ersten 50 km durch's Eisacktal sind fast geschenkt.  Kurze Abschnitte mit Anstiegen, ansonsten flach oder leicht ansteigend.Die Sonne ist auch wieder da und so macht das Radeln Spass. Hinter Franzenfelse wird es dann mal steiler. Aber es ist nicht mehr weit bis Sterzing, und dort werde ich schon erwartet. Eine junge und gutaussehende Frau sitzt an der Rezeption und weiss sofort wer ich bin. Der freundlichen Seele von gestern sei dank. Das Kolpinghaus ist eher ein Internat für Jungs, die hier in Sterzing auf eine Sportschule gehen und die Woche über im Haus leben. Die Dame von der Rezeption und die junge Erzieherin in meinem Alter, sind gleich von meiner Tour begeistert und sehr gastfreundlich und hilfsbereit. Diesmal schlafe ich im grossen Fernsehraum auf einer gemütlichen Couch, kann duschen und mir meine Nudeln in der Küche kochen. Abends liege ich in meinem Schlafsack und bin erstaunt und dankbar, was ich die ersten 5 Tage alles erlebt habe. Morgen geht es die letzten 20 km über den Brenner und dann heisst es rollen lassen bis Innsbruck.

Bella Italia

Tag 2: Treviso - Feltre

Nach dem Aufwachen überlege ich einen kurzen Moment ob ich eine kleine Spende für das Kloster geben soll und für meine Übernachtung. Ein Gefühl von etwas schuldig sein beschleicht mich. Dann fällt mir aber ein, was ich mir für diese Rückfahrt vorgenommen hatte. Und schon ertappe ich mich bei dem alten "systemischen Denken", jedes Geben, jede Leistung, ist gleichzeitig mit einer Gegenleistung verbunden. Was gibts du mir, was gebe ich dir, das Credo und die Maxime in einer Leistungs- und Konsumgesellschaft. Du kannst mir keinen materiellen Gegenwert geben? bye bye! Wenn selbst die Kirche dieser Maxime verfallen ist, wo sonst, sollte man dann in einer modernen Gesellschaft noch das Gebot des selbstlosen Gebens, des Teilens aus dem Herzen  heraus finden, wovon soviele Bücher auf Bestsellerlisten  und eigene Protagonisten sprechen ( Mutter Theresa). Genau darum geht es mir ja, dieses Geben, in den Ritzen und Nischen einer seelenlosen und Ichbezogenen Leistungsgesellschaft zu finden. Also packe ich meine Sachen, gehe nach unten, verabschiede mich herzlich von dem Patre und habe den Eindruck, dass jeder mit einem guten Gefühl seinen neuen Tag beginnt.

Heute wollte ich es das erste Mal wagen: Zu einem Supermarkt gehen und nach aussortierten Obst und  Gemüse  fragen. Das Ergebnis war ernüchternd. Einmal war dort die Sprachbarriere, aber vielmehr die Klischee und Vorurteilsbarriere. Zuerst fragte ich an dem Info-Point, mit ein wenig Englisch ging das. "Not possible". Beim nächsten fuhr ich direkt zum Hintereingang, wo die Container stehen. Wieder wollte ich zuerst einen Mitarbeiter ansprechen, bevor ich eigenmächtig herumsuche. Sofort spüre ich Ablehnung, "no possible", und werde sanft nach draussen getränkt. Ich kann förmlich das Bild des Landstreichers, Obdachlosen oder Junkies aus seinen Augen ablesen. Flüchtig und ablehnend öffnet er die Luke eines riesigen Containers, der bis oben hin mit Obst und Gemüse gefüllt ist, das aber schon total zermatscht und vergammelt ist. Ich gehe in den Supermarkt und kaufe mir Brot, Käse und Bananen. Aber so schnell gebe ich nicht auf, ich werde es weiter versuchen!

Der Tag endet in Feltre mit einem überwältigend Beweis von Gastfreundschaft.  Ich erreiche die Stadt und frage einen jungen Italiener auf dem Rad, nach dem Weg zur Tourist-Info. Er spricht ganz gut Englisch und ist so freundlich mich bis vor deren Eingang zu begleiten. Als er mein Fahrrad so anschaut, ist er gleich ganz neugierig und interessiert, wo ich herkomme, wo ich hin will und so weiter. Ich erzähle ihm meine Story und mein ambitioniertes Vorhaben für die Rückfahrt nach Frankfurt. Als ich ihm sage, das ich noch nicht weiß, wo ich heute nacht schlafen werde, ich aber diesbezüglich völlig angstfrei geworden bin, fängt er an zu überlegen. Plötzlich zückt er sein Handy. Als das Gespräch beendet ist, dreht er sich zu mir um und meint: Wenn du willst kannst du heute nacht bei uns schlafen! Er hat eben mit seiner Freundin telefoniert. Eine Stunde später sitze ich bei Alberto und Rosana am Tisch und esse Pasta und Radicchiosalat. Sie sind  in meinem Alter und interessieren sich sehr für meine Reisen. Alberto überlegt schon lange, auch einmal "auszubrechen". Er liesst viele Bücher darüber, spielt Gitarre, schaut kein TV und interessiert sich für Buddhismus und Meditation. Somit hatten wir eine breite Grundlage für viele interssante Gespräche an diesem Abend. Wieder einmal haben sich zwei Menschen zur rechten Zeit, am rechten Ort getroffen. Der "Zufall"  arbeitet manchmal sehr präzise!

Tag 3: Feltre - Trento

Heute startete ich noch leichter als sonst. Mein Tagesziel war Trento. Dafür musste ich durch das lange, aber schöne Valsugana Tal. Und dort hatte ich bereits einen sicheren Schlafplatz. Für Trento hatte ich mir einige "Warmshowers" Kontakte herausgeschrieben und gestern von der Tourist-Info aus verschiedene angerufen. Wieder einmal hat es kurzfristig geklappt und eine Radlerfamilie erwartete mich für heute abend in Ihrer Wohnung. Auch wenn sich nichts ergeben hätte, wäre ich beschwingt wieder aufs Rad gestiegen und hätte den Dingen ihren Lauf gelassen. Aber eine sichere Aussicht auf eine Dusche, eine warme Mahlzeit und ein Bett machen das ganze noch schöner. Die Sonne lachte und der Radweg "Via Claudia Augusta", führte mich auf ruhigen Nebenstrassen und entlang des Flusses durch das Tal. Nach rund 100 km landete ich abends erschöpft und hungrig vor der Wohnung von Antonella und ihren Kindern. Nach einem weiterem leckerem Abendessen mit freundlichen Menschen, mit Pasta, Kartoffelbrei und netten Gesprächen über das Radreisen, fiel ich irgendwann spätabends müde auf meine Couch und versank in einen traumlosen Schlaf.


Mittwoch, 21. März 2012

Von der Lagunenstadt ins Kloster

Tag 1: Montag, 12.3. Venedig - Treviso, Tages-km: 57,29

 Mein netter Truck-Fahrer liess mich am Hafen von Venedig raus. Am Morgen fragte er mich noch einmal, ob ich nicht doch mit nach Freiburg fahren wollte. Ich lehnte dankend ab. Ich hatte eine Nacht darüber geschlafen und dann war die Sache relativ klar. Ich freute mich wieder darauf völlig auf mich allein gestellt zu sein. Außerdem hatte ich die Route schon so detailliert im Kopf durchgespielt, das ich jetzt nicht einfach gemütlich mit dem LKW nach Freiburg fahren konnte. Mein Gefühl gab mir ein eindeutiges Signal. Und so sass ich nach wenigen Minuten, nachdem ich meine Taschen angebracht hatte, wieder auf dem Rad. Es war ein belebendes, ein frohlockendes Gefühl. Die Sonne lachte vom Himmel, nach 3 Monaten kurbelte ich wieder die ersten Meter, das Herz hüpfte. Ich schien geradezu vor Elan und Tatendrang zu bersten. Ich hatte so viel aufgestaute Energie, die mich nun förmlich durchschoss, das ich das Gefühl hatte, nichts konnte mich aufhalten. Ja, der Überschwang war gross, nach Monaten des ruhigen Lebens.

Noch nicht einmal die störrische Frau von der Tourist-Info. Natürlich, mir war bekannt, das Venedig eine besondere Stadt ist, insbesondere was die Mobilität anbetrifft. Das es aber so engstirnig zu geht, hätte ich nicht gedacht. Es dauerte geschlagene 20 Minuten bis ich einen Platz fand, wo ich mein Rad sicher abstellen konnte. Die Frau von der Info wollte mich aufs Festland, nach Mestre schicken, um dann mit dem Bus in die Stadt zurückzufahren. Das konnte sie vergessen. Sofort packte mich mein Ehrgeiz wieder, sehr oft gepaart mit einer gewissen Dreistigkeit und einer grossen Portion Kaltschnäuzigkeit. So stellte ich mein Rad direkt vor eine Polizeistation, dort ist es wenigstens sicher, und wenn die was dagegen hätten, sollen sie mir halt einen "Strafzettel" anhängen!

 Zwei Stundnen bin ich durch die Stadt gegangen. Was gibt es davon zu berichten? Eigentlich nicht viel. Eine Stadt die ausschliesslich von Touristen lebt, die hier das ganze Jahr rumlaufen, und die sich hier das ganze Jahr abmelken lassen. Aus Spass fragte ich einen der bekannten "Gondollerie" Fahrer, was die romantische Runde auf seinen Holzkahn kosten würde: 80€ für 30 Minuten! Ohne weiteren Kommentar. Auch wenn es hier noch so viel Geschichte, Kunst und Kultur gibt, der Massentourismus, die damit verbundenen horrenden Preise, das oberflächliche Getue, das anlocken, feilschen und über den Tisch ziehen, haben hier überall einzug gehalten. Und wie schon oft erwähnt, ist dies nicht meine Welt. So ging ich bis zur "Ponte de Rialto", machte ein paar obligatorische Fotos fürs Album und ging dann zurück.



 Nun ging es erst richtig los. Aufs Fahrrad und ab. Die nette Dame von der Tourist-Info warnte mich aus Fürsorge vor der "Ponte de Liberta", die 5 km lange Brücke, die Venedig mit dem Festland verbindet. Autos, Züge, kein Radweg, wir haben hier viel Verkehr. Sie kann ja nicht wissen, das ich kilometerlang über albanische Autobahnen gefahren bin. Und als ich dann auf der Brücke war, stellte sich wieder einmal heraus, die meisten Warnungen von freundlich gesinnten Einheimischen sind übertrieben. Es gab einen Radweg, und auch ohne, wäre ich einfach rechts auf der Strasse gefahren. Die ersten Kilometer jauchzte und sang ich auf dem Fahrrad. Ich liess mich treiben, machte mir null Gedanken, ja ich spürte eine noch tiefere Art des Vertrauens. Auf der Mani hatte ich das Buch von P. Fermor gelesen " Die Zeit der Gaben". Daran erinnerte ich mich jetzt immer wieder, wie er im tiefsten Winter durch Deutschland ging, abends bei Bauern anklopfte, im Heu schlief. Auch er hatte wenig Geld, dafür aber viel Elan und ein grosses Ziel vor Augen.

So radelte es sich fast von alleine bis nach Treviso. Vor wenigen Monaten, hätte ich mir noch den Kopf zerbrochen, wo kann ich sicher und ordentlich schlafen. Heute nicht,nicht mehr. Nun begann ein weiterer grosser Abschnitt dieser Rückreise, das austesten der eigenen Grenzen und Hemmschwellen. Ich fuhr durch die Stadt und sah plötzlich eine Kirche. Sofort klickte es. Das Gebot der Nächstenliebe, hat die Kirche nicht eine alte Tradition, Reisenden, Pilgern und Bedürftigen Unterkunft und eine einfache Mahlzeit zu geben?? In gewisser Weise war ich von jedem etwas. Also klopfte ich. Ging hinein. Eine kleine Kapelle. Es erscheint eine Nonne, sie ruft nach einer weiteren die Englisch spricht. Ich erzähle meine Story. Sie fragt mich, ob ich ein Pilger sei. Wahrheitsgemäß antworte ich, zur Zeit nicht, nicht so direkt, aber vor 3 Jahren war ich auf dem Camino de Santiago in Spanien. Daraufhin nennt Sie mich "Friend". Sie geht in ein Büro und kommt mit einem handgeschriebenen Zettel zurück. Ein Empfehlungsschreiben von Ihr. Sie erklärt mir den Weg zu zwei kirchlichen Anlaufstellen.

Es ist nicht weit und finde es direkt, denke auf jeden Fall das ist es. Nachdem ich endlich eine offene Tür gefunden habe, lande ich im ersten Stock, vor einem Büro, an dem das Schild "Direttore" hängt. Ich zeige ihm den Zettel. Grosse Augen schauen mich an. Er kann kein Englisch. Aber ist gewillt mir weiterzuhelfen. Wir gehen wieder runter, er fährt mit mir mit dem Fahrrad zurück zu den Nonnen. Die freundliche "Friend-Nonne" hängt sich an das Telefon. Der Direktor, eine weitere Nonne und ich, stehen schweigend im Gang. 10 Minuten später kommt Sie  lächelnd aus ihrem Büro zurück. Sie hat einen Schlafplatz für mich. Der Direktor fährt mit mir vor das Kloster. Es ist gerade Andacht. Ich setze mich in die hintere Bank und warte. Danach kommt ein grosser und stämmiger Patre mit Glatze auf mich zu und begrüsst mich. Er kann ein paar Brocken Englisch. Um 19.15 sitze ich mit 5 Mönchen am Tisch. Vor dem Essen wird ein Gebet gesprochen, sich bekreuzigt. Ein älterer, etwas verdatterter Mönch, kann ganz gut deutsch, fragt mich ein paar Sachen zu meiner Tour. Alle sind sehr freundlich und herzlich. Um 21 Uhr liege in meinem Bett. Was für ein Start, was für ein erster Tag. Wie hätte ich erahnen können, das es in ähnlicher Form in den nächsten Tagen weitergehen würde.  

Update: Aktuelle Position

Freitag, 16. März 2012

Bozen - Sterzing

Tages-KM: 79,91
Höhenmeter: 700
Gesamt-KM (seit Frankfurt): 3.913

Leider bin ich derzeit abends zu müde um gewohnt längere Einträge zu machen, dabei gibt es so viel an Begegnungen und Ereignissen zu berichten. Aber all das wird zur gegebener Zeit nachgeholt.

Heute ging es bei strahlend blauen Himmel von Bozen aus in die Berge. Die ersten 50 km durch das Eisacktal liefen noch relativ flach mit nur leichten Anstiegen auf dem gutausgeschilderten Radweg. Nach Franzenfeste wurde es dann steiler. Insgesamt war es aber weit weniger schlimm als befürchtet, das Tal ist lang und es zieht sich meist sanft nach oben. Heute bin ich wieder in einem Kolpinghaus in Sterzing untergekommen, dank des netten und hilfsbereiten Herrn von der Rezeption in Bozen. Ich schlafe im Fernsehraum auf einem gemütlichen Sofa. Er rief gestern abend hier an und so wurde ich schon erwartet.

Sterzing liegt auf 935m, morgen werde ich die restlichen bis auf 1.300 m angehen, um es dann gemütlich 25 km bis Innsbruck rollen zu lassen. Ich denke/ hoffe, das dass Gröbste hinter mir liegt. In Innsbruck versuche ich wieder bei einem Warmshowerskontakt unterzukommen.
Soviel zu den "technischen" Details. Die viel entscheidenderen menschlichen Begebenheiten kommen die Tage. Es gab in diesen 5 Tagen einige, soviel kann ich schon sagen.

Freitag, 9. März 2012

Yasu Griechenland

"Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben."

Mit diesen Zeilen aus meinem Lieblingsgedicht von Hermann Hesse's "Stufen", verabschiede ich mich nach 4 Monaten von Griechenland. Morgen gegen Mitternacht geht meine Fähre von Patras nach Venedig. Dort werde ich am Montagmorgen ankommen.

Eine Zeit der Reifung und Entwicklung, ich glaube, ohne sentimentale Übertreibung kann ich die zurückliegenden Monate in dieser Weise skizzieren. All das Erfahrene, Erlernte und Erkannte versuche ich nun mitzunehmen, auf einen Weg ins Unbekannte, auf einen Sprung zu einem neuem Anfang. Und darauf freue ich mich. Bleibt heiter und gelassen, auf bald, das nächste mal wieder von unterwegs, i am back on the road!