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Sonntag, 4. Dezember 2011

Abschied von Korfu



Die besten Dinge im Leben sind nicht die, die man für Geld bekommt
Albert Einstein


3 Wochen, länger als gedacht, länger als einmal geplant. Am Samstag verließ die entstehende Bio-Farm von Apostolos, seiner Familie und seinen Tieren. Es waren drei aufregende, anstrengende, und lehrreiche Wochen. In vielerlei Hinsicht. Eine intensive Erfahrung mehr, einmal mehr, für die ich dankbar bin.

Und wieder einmal war es spannend, was man alles für interessante, aber auch verrückte Leute kennenlernt. Während meines Aufenthalts auf der Insel, lernte ich drei Deutsche kennen. Ein junger Koch aus Hamburg, der den gleichen Vornamen trägt wie ich, und nach einigen Umbrüchen in seinem Leben, kurzentschlossen einfach nach Griechenland durchstartete, und auf Korfu in einem Bio-Restaurant nun die Küche schmeißt, mit Talent und Kreativität seinen Beruf(ung) ausfüllt, was man sofort schmecken konnte. Er versteht was von seinem Handwerk, und so war es für mich eine Bereicherung, einmal mit Ihm zusammen, ein Abendessen für meine griechische Gastfamilie zu kochen. Dann lernte ich noch zwei weitere Deutsche kennen, die aus dem östlichen Teil unserer Republik stammen, und auf Korfu den Winter verbringen wollen. Sie haben mir zwar ausschweifend und mit Begeisterung aus Ihrem Leben, von Ihren Erfolgen und Misserfolgen, und Ihren zukünftigen Ideen erzählt, aber eigentlich weiß ich nichts über die beiden, da ich bis heute nicht weiss, was war real und was entsprang einer blühenden Phantasie?! Nach einigen Gesprächen, tendiere ich eher zur zweiten Annahme, aber eigentlich ist das auch egal, es bleibt der Eindruck einer weiteren, skurrilen Reisebekanntschaft.

Am ersten Tag unseres Kennenlernens, als wir über die Arbeitszeiten und Pflichten sprachen, hieß es, 25 Stunden die Woche, dafür eine Mahlzeit am Tag, und natürlich das Wohnen. Die 25 Stunden hatte ich an manchen Tagen, innerhalb von 3 Tagen erreicht! Es herrschte ein gewisser Zeitdruck, die Oliven waren noch grün, also besonders frisch, und mussten so schnell wie möglich abgeerntet werden. Sie bestimmten die Arbeitstage.

So war es meistens 18 oder 19 Uhr, manchmal auch später, bis wir wieder nach Hause kamen. Das Abendessen gab es dann aber noch nicht. Das musste natürlich erst gekocht werden, was auch noch zu Apostolos täglichen Programm gehörte. Vorher verbrachte er aber zuerst mal die erste freie Zeit des Tages mit seinem Sohn, füttern, baden, ins Bett bringen. Familienvater halt, ganz klar und verständlich. Es gibt bei so einem Alltag, eine Rangfolge, oder Abfolge, und mein Bedürfnis nach Essen, Erholung, Schlafen, steht dann eher weiter hinten an. Verständlich, auch für mich, zumindest die ersten Tage. Nachdem all die täglichen Pflichten erledigt waren, gab es dann das Abendessen, meist nach 21 Uhr. Essen, ein wenig quatschen, bis die Müdigkeit überhand nahm, und ich mich dann in Richtung meines Hauses bewegte. Die Uhr zeigte dann meistens schon 23.00 an.
So stellte sich bei mir, nach einigen Tagen eine chronische Müdigkeit ein, und in der letzten Woche auch eine gewisse Unlust.Freie Tage waren meist nur die Sonntage. Ehrlich wie ich bin, thematisierte ich dies gegenüber Apostolos, nur mit der Bemerkung das ich nach 2,5 Wochen müde von der Arbeit bin. Dies führte dann zu einer lebhaften Diskussion, die einige Missverständnisse der letzten Wochen aufdeckte. Das ganze zeigte mir ganz klar, es wurde Zeit zum weiterziehen, ich fühlte mich nicht mehr ausgeglichen.

Und so machte ich mir schon seit einigen Tagen Gedanken, wie es nach meiner Zeit auf Korfu weitergehen könnte. Vor allem spürte ich , ich brauche wieder mehr Raum und Zeit für mich, Ruhe, Inspiration und wieder mehr Eigenständigkeit, was die Einteilung des Tages betrifft.
Ich musste aber auch den Tatsachen ins Auge sehen, vor allem den finanziellen, und das bedeutete momentan, das mein Handlungsspielraum relativ begrenzt ist.

Und so kamen nach Berücksichtigung aller derzeitigen Umstände, Angebote und Möglichkeiten, drei Handlungsoptionen heraus:

- Zurück nach Deutschland, was nichts anderes bedeutet, als bei Null anzufangen, und mir die Vision Schreiben + Reisen aufzubauen. Die lange, und teure Rückreise würde per Fähre und Zug erfolgen.

- Mit dem Rad weiterfahren, weiter Richtung Südgriechenland, evtl. bis nach Istanbul, über verschiedene Inseln „hüpfen“, und so den Winter verbringen. Unterwegs versuchen einige Artikel über das „Krisenland“ an Zeitungen zu verkaufen. Was aber auch einiges an Kosten bedeutet, Verpflegung, Unterkunft, Fähren und wir somit gleich wieder bei dem finanziellen Rahmen wären.

- Last but not least, eine Möglichkeit die sich erst während der Tour ergeben hat, mehr ein Angebot. Eine nette Österreicherin, die ganz im Süden von den Peloponnes (Mani) ein Seminarhaus betreibt, und dich ich letztes Jahr während des Schreibworkshops, der bei Ihr stattfand, kennengelernt habe, hat mich eingeladen zu Ihr zu kommen, und während des Winters in einem Ihrer wunderschönen Ferienhäuschen zu wohnen, gegen eine kleine Kostenpauschale und einige Stunden Mitarbeit am Tag.

Diese drei Optionen gingen mir in der letzten Woche meines Aufenthaltes durch den Kopf, beschäftigten mich. Die Entscheidung die ich treffen würde, wäre nicht einfach eine Entscheidung, was kaufe ich morgen ein, sondern hätte schon eine richtungsweisende Wirkung für meine Zukunft, eine Positionierung für mein neues (berufliches) Leben. Und so machte ich es mir nicht leicht, ich versuchte meiner inneren Stimme zu folgen, wie so oft in der Vergangenheit, aber auch wie so oft, ist diese manchmal von „rationalem Ballast“ blockiert.

Am Samstag war dann die grosse Verabschiedungsrunde, bevor ich auf die Fähre ging. Danke Apostolos, Christina, Myrto, Morten, Oli, Graham, Costa und Tekkla für die gemeinsame Zeit, das Lachen, die Arbeit und die Gespräche. Ihr werdet mir in lebhafter Erinnerung bleiben!
Und nun..?? Wo hat es mich hinverschlagen? Tja, bleibt dran, mehr dazu in den nächsten Tagen...

Samstag, 26. November 2011

Schüttelfrost, kalt gepresstes Olivenöl und das Knistern des Kaminfeuers



"Leben ist, was uns zustößt, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben"
Henry Miller




Am nächsten Tag, genau am 60. meiner Reise, verließ ich Korfu Stadt in Richtung Norden der Insel. Ich hatte nun alles was ich brauchte, eine Karte von der ganzen Insel, und Infos. Mir wurde empfohlen, in den Dörfern in der Inselmitte zur Mithilfe bei der Ernte zu fragen.

Auf meiner Fahrt aus der Stadt, traf ich am Hafen einen belgischen Tourenradler. Er kam gerade mit der Fähre vom Festland, und wollte heute noch weiter an Albanien. Das rief gerade zu nach Erfahrungsaustausch, und so gab es bei einer Cola genug zu erzählen. Er ist in meinem Alter, hat sich ein Jahr Auszeit genommen (nach der er aber nicht zurückkehren will), will mit dem Rad und dann als Backpacker die Welt erkunden. Am Ende frage ich ihn nach seinen Bewegründen für das Reisen:
“ Im normalen Alltag ist jeder Tag der selbe, wie sagt man, no Suprise!“

12 Km nach Korfu Stadt steuerte ich in Kontokali den Campingplatz an. Natürlich war der schon geschlossen, aber wie so oft in den vergangenen Wochen, lebt der Besitzer auf dem Platz, und so konnte ich einmal mehr, kostenfrei auf einen Campingplatz übernachten. Natürlich fragte ich ihn gleich nach Tipps oder Empfehlungen, bei wem ich wegen der Olivenernte nachfragen könnte. Er nannte mir den Namen einer Ferienanlange die, wie er meinte, alternativen Tourismus anbietet.

Am nächsten Tag stehe ich auf dem Gelände dieses Alternativtourismus, eine Casa, die als Alternative zu Einheitszimmern und Speisesall, stilvolle Appartaments und Häuschen in einer ruhigen Umgebung anbietet. Eine Engländerin, die seit 25 Jahren hier lebt, betreibt dieses Kleinod der Ruhe und Besinnung. Wir sind uns sofort sympathisch und bei einer Tasse Tee, erzähle ich ihr meine Geschichte von der Idee bis zur Umsetzung dieser Radtour. Sie ist sofort begeistert und möchte mich bei meiner Suche nach einer Unterkunft unterstützen. Sie schreibt mir mehrere Telefonnummern auf, darunter auch die eines Griechen, der in der Nähe ein grosses Grundstück mit vielen Olivenbäumen hat. So weit Sie weiß, möchte er in den nächsten Tagen mit der Ernte beginnen. Zusätzlich möchte Sie einen Rundbrief an einige Leute aus Ihrem Bekanntenkreis verschicken, und mich darin kurz vorstellen. Grandios.

Während meiner Fahrt zurück zum Campingplatz in Kontokali, merke ich, das ich krank werde. Während so eines Trips, lernt man sich und seinen Körper genau kennen. Ich fühle mich geschwächt. Letzte Nacht, habe ich mein erstes schweres Gewitter auf Korfu erlebt. Es hat so laut gedonnert, das ich aus dem Zelt geschlüpft bin, und unter einem Vordach verharrte, bis der sintflutartige Regen und das Donnern nachliessen. Das brauche ich heute nicht noch einmal, und so entscheide ich mich, mein Zelt hier abzubrechen, und in ein Hostel zu gehen. Mein Körper gibt mir ganz klar das Signal, nach Ruhe, Erholung und einer warmen Behausung.

Den Ort und den Namen des Hostels, hatte ich mir noch schnell in Albanien aus dem Internet geholt, um für alle Fälle gewappnet zu sein. Wenn der Preis aus dem Internet stimmt, wäre das ein echtes Schnäppchen, vorausgesetzt es hat noch geöffnet, was bei Hostels um diese Jahreszeit nicht selbstverständlich ist. Das Hostel liegt in Ipsos, einem Touristenort direkt am Meer, der um diese Jahreszeit wie ausgestorben ist. Ohne Erfolg frage ich zwei Einheimische, und so versuche ich alleine den Weg zu finden. Der Ort ist nicht gross, und so stehe ich einige Minuten später vor dem Hostel. Der Anblick von aussen verspricht nichts gutes. Das mehrstöckige Haus sieht ziemlich geschlossen aus. Trotzdem betrete ich über eine Treppe das Hostel, und befinde mich in einem offenem Vorraum, links und rechts die Zimmer mit individuellen Namen. Niemand zu sehen, weder zu hören. Ich mache mich bemerkbar, und rufe ein paar Mal. Und plötzlich, höre ich wie sich die Tür von einem Zimmer öffnet. Ein freundliches Gesicht einer jungen Neuseeländerin erscheint im Türrahmen. Sie erklärt mir das der Besitzer nicht hier wohnt, er aber seine Handynummer an der Pinnwand hinterlassen hat. Sie meint der Preis wäre um die 10 € für eine Nacht. Prima. Fünf Minuten später habe ich den Betreiber am Ohr, er erklärt mir, das Zimmer Nr. 10 geöffnet sei, ich sollte hineingehen und er würde dann heute abend zum bezahlen kommen. Wieder einmal hat letztendlich alles geklappt. Das Zimmer ist eher ein Appartment mit Küchenzeile und Kühlschrank genau das was ich momentan brauche zum Erholen und Regenerieren. Als ich mich nach einer heissen Dusche auf das Bett lege, fange ich plötzlich an zu zittern. Zusätzlich glüht mein Gesicht. Schüttelfrost und Fieber. Ich packe mich in 3 Decken ein. So zittere ich mich durch die Nacht, am nächsten Morgen fühle ich mich richtig elend.

Ich hole mir Medikamente, verlängere meinen Aufenthalt um eine Nacht, kaufe viel Obst und Lebensmittel, und gönne mir viel Ruhe. Mit der Neuseeländerin, die als Backpackerin durch Europa reist, habe ich viele interessante Gespräche, beim Abschied tauschen wir die Emailadressen, wieder ein Kontakt mehr in der Welt, und eine Einladung, falls es mich einmal dahin verschlägt.

Am nächsten Tag rufe ich den Griechen an, der mir von der Casa empfohlen wurde. Er hat schon auf meinen Anruf gewartet, ja er möchte am Montag mit der Ernte beginnen , und sucht händeringend noch Leute dafür. Als Gegenleistung kann er mir eine kostenfreie Unterkunft und eine warme Mahlzeit am Tag anbieten. Hört sich sehr gut an, ich erkläre ihm das ich noch ein wenig krank bin, und erst morgen zu ihm kommen kann.

Der nächste Morgen, fühlt sich schon viel besser an, und so lerne an einem Samstag im November, vier Tage nach meiner Ankunft auf der Insel, Apostolos kennen, ein junger Grieche in den dreißigern, der mit seiner Freundin und seinem kleinen Sohn, von Paris nach Korfu zurückgekehrt ist, und nun versucht auf dem riesigen Grundstück einer alten Olivenpresse, eine organische Farm aufzubauen, mit dem Anbau von Gemüse, Orangen, Zitronen und dem Herstellen von biologischen Olivenöl. Alle zwei Jahre können die rund 200 Bäume abgeerntet und beschnitten werden, dieses Jahr ist es wieder soweit.Und so fanden zwei Leute zur rechten Zeit und zum rechten Ort zusammen.

Seit zwei Wochen bin ich nun bei der Ernte dabei. Es ist harte Arbeit keine Frage. Die Oliven müssen so schnell wie möglich vom Baum, da sie momentan noch grün sind, was heißt, sie reifen noch weiter bis sie dunkel werden. In dem jetzigen Zustand sind sie aber besonders frisch, und das gewonnene Öl bekommt einen besonderen Geschmack, bitter und ein wenig scharf. Beides ist ein Zeichen für eine gute Qualität, soviel habe ich schon gelernt, und auch schon geschmeckt

Jeden Morgen geht es um acht Uhr in den Hain, mit den anderen Arbeitern aus dem Dorf. Die Bäume werden mit der Motorsäge freigeschnitten, auf dem Boden liegen Netze, auf denen die Oliven gesammelt werden. Mit einem Stock oder einem Handrechen werden die Oliven von den Ästen geholt. Danach geht es in ein Nonnenkloster hier auf Korfu, wo das Öl in Form eine Kalt Pressung gewonnen wird. Zuerst werden sie gesäubert und gewaschen, dann zu einer Pesto ähnlichen Paste zermahlen. Diese wird auf perforierte Platten gegeben und anschließend auf den Stahlzylinder der mechanischen Presse gestapelt. Bei 400 Bar wird langsam aus der Masse eine ölig-wässrig Flüssigkeit herausgepresst.

Dies ist aber noch kein Öl! Die Flüssigkeit wird in Eimern aufgefangen und kommt anschliessend in den 120 Liter Tank eines Abscheiders, der das Wasser von dem Öl trennt. Nach rund 3 Stunden Wartezeit, wird über einen Schlauch das nun reine Öl in einem Plastikkanister aufgefangen.
Frischer und biologischer geht es wohl nicht, und Apsotolos hat mir versichert, das wegen des hohen Aufwandes kaum einer mehr Öl in diesem Verfahren herstellt. Zeit ist Geld!

Ich habe das hier mal ausführlich beschrieben, damit man nachvollziehen kann, wieviel Arbeit es ist, einen Liter Öl in diesem Verfahren zu gewinnen. Das Verhältnis ist 1:10, also 10 Kg Oliven für 1 Liter Öl! Mittlerweile habe ich jeden einzelnen Schritt, vom Baum bis zum Öl, auch selbst durchgeführt.Einst ist jetzt schon klar, kalt gepresstes Olivenöl werde ich in Zukunft noch höher wertschätzen, als ich es ohnehin schon gemacht habe.

Als Gegenleistung für diese täglichen, mehrstündigen Einsatz, darf ich ganz alleine ein alters Bauernhaus mit Kamin bewohnen, bekomme alle Mahlzeiten gestellt, und kann jederzeit meine Wünsche und Gelüste auf Lebensmittel an seine Frau weitergeben.
Trotz des harten Jobs, eine gute Gelegenheit, verlorene Pfunde und Kraft wieder aufznehmen. Ich geniesse das tägliche draussen sein mit der angenehmen Novembersonne, die traditionelle griechische Küche (viel Bohnen,Linsen, kein Gyros und Bifteki, das ist hier Fastfood), und das knistern des Kaminfeuers am Abend.

Nun sind zwei Wochen rum, und auch diese Zeit nähert sich ihrem Ende. Die grosse Frage ist nun, wie geht es weiter nach meinem Aufenthalt auf Korfu? Ideen und Möglichkeiten gibt es, und gerade bin ich dabei diese auszuloten. Es ist alles dabei, es bleibt spannend, keep on watching.

Freitag, 18. November 2011

Am Ziel!



08.11.2011, Korfu, Hafen

Alles was einen Anfang hat, hat auch ein Ende

Gesamt-Km: 3.104

Tag 59

Nach 59 Tagen, 3.104 gefahrenen Kilometern und sechs durchreisten Ländern, erreiche ich am 08.11.2011 gegen 13.30 MEZ mit dem Schnellboot Korfu.

Ich habe es geschafft, und bin geschafft, für Luftsprünge bin ich viel zu müde. Vor mir am Zoll steht eine ganze Traube Albaner, die es kaum erwarten konnten, aus dem Boot zu kommen. Ich bin der letzte in der Schlange. Der Zöllner macht mal wieder den berühmten „Fahrzeugscheinwitz“, aber alles ganz locker, er geht mit mir nach draussen, und zeigt mir wie ich in die Stadt komme
.
Endlich wieder „europäischen Boden“ unter den Füssen, ich fühle mich gleich ganz anders. Aber hier ist ja nicht irgendwo in Europa, hier ist das Land auf das momentan die ganze Welt schaut. Das bekomme ich gleich im Hafen zu spüren, als ich zwei Griechen frage, ob Sie ein Foto von mir und meiner Ankunft machen können. Als sie erfahren, dass ich aus Deutschland komme, höre ich irgendwelche griechischen Sätze, und mehrmals den Namen „Merkel“.

Ich fahre in die Altstadt, und gönne mir zuerst einmal ein Willkommens-Menü, welches aus Pommes, Fetakäse, Brot und einer Fanta besteht. Dann möchte ich zur Tourist-Info, die aber schon geschlossen hat. Ich klappere einige Hotels ab, die aber alle für mein Budget zu teuern sind. Nein, auch nicht zu Feier des Tages, möchte ich 40 Euro für ein Zimmer ohne Frühstück ausgeben. Einen Campingplatz gibt es in der Stadt nicht, nur einige Kilometer ausserhalb, und ob der noch geöffnet ist, konnte mir auch keiner sagen. Ich fahre durch die Strassen, frage nach Privatzimmern, nichts zu finden.

Tja, ich wollte es ja so, ankommen mit nichts in der Hand, und relaxt bleiben. Schließlich, als es schon dämmert, fahre ich zum Hafen, sehe in einem geschlossenen Restaurant Licht, frage den Besitzer der gerade am aufräumen ist, ob ich eine Nacht auf seinen Spielplatz übernachten kann. Kein Problem, und so verbringe ich meine erste Nacht auf Korfu, zwischen einer Schaukel und einem Karussell. Abends setze ich mich an den Hafen, schaue den Anglern zu, lasse die Atmosphäre auf mich wirken. Morgen früh werde ich gleich die Tourist-Info ansteuern, um Infos zu erhalten.
Ich möchte nicht gleich wieder hier abreisen, sondern ein paar Tage, oder sogar Wochen bleiben. Ein Zimmer mit Verpflegung finden, das ich gegen Mitarbeit bekomme. Die Olivenernte steht an. Das ist mein Plan. Inwieweit er aufgeht, wird sich morgen zeigen, ein neuer Tag, eine neue Chance.

Zum Abschluss dieser Reise möchte ich ein letzte Mal Claude Marthaler zu Wort kommen lassen.

„Unser Charakter zeigt sich auf Reisen, in unvorhergesehenen oder schwierigen Situationen, wo die üblichen Bezugspunkte fehlen, besonders deutlich. „

„Unterwegs gibt es wohl mehr Unvorhergesehenes als bei einem sesshaften Dasein, aber meistens wird der Tagesablauf bestimmt durch die menschlichen Grundbedürfnisse: Essen, Trinken und Schlafen. Dieses spartanische Leben, oft so reich an Begegnungen und Entdeckungen, entspricht meinem Naturell und meinen Wertvorstellungen.“

Besser hätte ich es nicht beschreiben können...




Tag 58

Die Hotelbesitzerin ist richtig traurig, als ich Ihr am Morgen mitteile, das ich heute auschecken werde. Grundsätzlich war es sehr schön hier, aber ich merke nun ganz deutlich, wie ich nach 2 Monaten auf dem Rad nur eines will: Ankommen.
Sie bedankt sich tausend mal für den Excel Grundkurs, ich gebe ihr meine Email und Blogadresse.

Die Reise nähert sich dem Ende, das ist klar. Bis nach Saranda sind es ca. 60 km. Von da aus noch einmal 70 km bis nach Igoumentitsa, der Fährhafen in Griechenland. Gestern fand ich heraus, das es eine Verbindung von Saranda nach Korfu gibt, mit dem Schnellboot.
Eigentlich habe ich gestern abend schon darüber nachgedacht, und mich entschieden. Wenn das mit dem Fahrrad geht, nehme ich das Schnellboot. Wenn ich bis Igoumenitsa fahre, werde ich wohl noch einmal dort übernachten müssen. Aber vor allem bin ich müde. Und schlecht gelaunt. Die fast zwei Monate habe gezerrt, ich habe ein paar Kilo abgenommen. Mein Körper bettelt um Ruhe, Erholung und gutes Essen. Ganz klar, dafür an anderer Stelle einiges hinzugewonnen, Erfahrungen, Disziplin und Wertschätzung, für die kleinen Dinge, die so selbstverständlichen, Essen, Trinken, vier Wände zum schlafen.

Und so gehe ich sie an, die letzten Kilometer durch Albanien, und der ganzen Tour. Die letzte Entscheidung will ich in Saranda treffen. Eine Mischung aus Wehmut und Vorfreude. Was habe ich nicht alles erlebt in diesen zwei Monaten, Krankheit, Regen, Sonne, Hunger, Kälte. Wenn ich eine sichere und feste Bleibe auf Korfu gefunden habe, werde ich das alles Revue passieren lassen, in mich hineinhören was es mit mir gemacht hat, die Strapazen, wie die Freuden, das täglich neue, das täglich Ungewisse. Und versuchen darüber zu schreiben.

Nach einigen Kilometern merke ich eine Leichtigkeit beim fahren. Es könnte jetzt eine Bombe vor mir einschlagen, oder ein Pitbull auf der Strasse stehen, ich glaube es wäre mir egal, würde einfach weiterfahren, oder eben nicht, alles ist gut, alles ist schlecht, alles ist Veränderung.

Noch einmal zähes Treten bergauf, und lässige Rollen bergab, Dörfer, Hundegebell. Kurz vor Saranda, eröffnet sich links von mir ein riesiges Tal, und absolute Stille. Ich trete langsamer, bleibe immer wieder kurz stehen, ein passender, schöner Ausklang einer Tour. Da stören sogar die riesigen Müllberge am Strassenrand nicht.

Dann rolle ich in Saranda ein. Es ist früher Nachmittag. Die Frau in der Tourist-Info ist sehr freundlich, und bemüht für mich eine günstige Unterkunft zu suchen. Die beiden Hostels in der Stadt haben geschlossen. Sie gibt mir einen Stadtplan und ein paar Hotelempfehlungen mit auf dem Weg. Ich schiebe mein Rad durch die Strassen, die Albaner begaffen mich wie einen Außerirdischen. Sie sitzen in ihren Cafes, trinken Espresso, rauchen wie die Schlote, machen Tauschgeschäfte auf der Strasse. Man merkt eindeutig einen italienischen Einfluss, nicht nur bei den Restaurants, laize faire, warum sich verrückt machen, jeden Tag 8 Stunden arbeiten. Nun kommen ja immer mehr Touristen, wie mir die Dame in der Info erzählt hat, und wie man es überall an den Betonrohbauten erkennen kann.
Sie fragte mich auch, welcher Eindruck nach sechs Tagen durchs Land nun bleibt. Unterschiedlich antwortete ich, viele Vorurteile sind gefallen, ich fühlte mich nicht unsicher oder bedroht, aber auch nicht richtig wohl. Es bleibt ein fader Geschmack zurück, die Gesichter der Alten sind verhärmt, ausdruckslos, starr, man könnte meinen, die ereignisreiche und raue Geschichte des Landes ist darin gezeichnet.

Gerade als es zu regnen anfängt, habe ich wieder ein günstige Hotel gefunden. Ich bin wohl der einzigste Gast, die Dusche ist nur lauwarm. Nun ist es klar, morgen um 12.45 geht es mit dem „Dolfin“ Schnellboot rüber nach Korfu, in 30 Minuten in ein anderes Land.

Ich habe lange überlegt, ob ich mich bei diversen Seiten im Internet anmelden soll, um vorab Kontakt mit unterschiedlichen Gastgebern auf Korfu aufzunehmen,Wwoofen, HelpExchange, es gibt einige Möglichkeiten, um was Sicheres zu haben, eine Anlaufstelle. Habe es dann aber trotzdem nicht gemacht. Durch die Erfahrungen und den Austausch mit anderen Reisenden habe ich eine gewisse Gelassenheit bekommen, ich möchte morgen auf Korfu den Tag beginnen wie die letzten Tage, mit nichts Gewissem, nichts Sicherem, kenne niemanden dort, weiß noch nicht einmal wo ich schlafen werde.
Den Dingen ihren Lauf lassen, sich entwickeln lassen, das Schicksal arbeiten lassen. Hört sich manchmal etwas großspurig an, und für manche leichtsinnig, aber so möchte ich die Reise beenden, so wie ich sie auch angefangen habe.