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Sonntag, 6. Mai 2012

Ein Hauch von Abschied

Tag 22: Stockstadt - Frankfurt

Das grosse Finale!! Heute am Montag, den 02.04, werde ich in Frankfurt eintreffen. Von Aschaffenburg aus sind es noch gute 50 Kilometer bis dorthin. Das fahre ich auf der linken Pobacke ab! Also raus aus dem kalten Zelt, in windeseile alles zusammenräumen und ab aufs Rad. Mich betätigen, dann wird es mir auch schnell wärmer. Soviel sei schon mal verraten: der letzte Tag sollte noch ein paar Überraschungen bereithalten!

Die erste gleich in Seligenstadt. Wie als letzter Beweis für die so oft erlebte Grosszügigkeit und Menschlichkeit während der gesamten Tour. Ich hatte noch kein Frühstück im Magen. Meine Provianttasche war diesbezüglich schon ziemlich leer. Also entschloss ich mich, entgegen meiner Gewohnheit, aber zur Feier des letzten Tages, in ein Cafe zu gehen. Einen warmen Tee und ein Marmeladenbrötchen sollte man für 5 € bekommen. Ich fuhr in die Innenstadt und schaute nicht im feinsten Haus am Platze zu landen. So landete ich in einem gewöhnlichen Cafe, mit kaffetrinkenden und tratschtenden Rentnern. Hier war ich richtig. Ich bestellte einen schwarzen Tee, zwei hart gekochte Eier im Glas, dazu zwei Brötchen. Mein Sitzplatz war direkt vor der Küche in der Ecke. Die Bedienung, eine Dame um die 50 mit flottem Schritt und brauner Dauerwelle, war wohl auch gleichzeitig die Besitzerin, was ich an den Gesprächen mit den übrigen Gästen heraushören konnte. Sie hatte ein resolutes Auftreten, verbunden mit einem gewissem Humor und einer natürlichen Freundlichkeit.  Sie brachte mir die Eier im Glas, mit dem Hinweis, dass ich kontrollieren solle, ob sie auch wirklich hart gekocht seien, ansonsten würde Sie mir neue bringen. Sie waren es nicht, aber ich wollte sie so behalten. Als kleine Entschädigung brachte Sie mir ein weiteres Brötchen. Ich hatte mein Tagebuch und meine derzeitige Reiselektüre auf den Tisch gelegt.

 Irgendwann, nachdem Sie das fünfte mal an mir vorbeigegangen war, fragte Sie, woher ich komme. Ich erzählte ihr meine kleine Geschichte. Sie war beeindruckt und erzählte mir von einem Cousin, der für ein halbes Jahr nach Australien ging. Nachdem ich gestärkt war und meine Aufzeichnungen abgeschlossen hatte, gab ich Ihr ein Zeichen zum zahlen. "Ich muss los zur Schlussetappe nach Frankfurt" meinte ich mit einem breitem Lächeln. Grinsend stand Sie vor mir. In der Zwischenzeit hatten sich in der Ecke neben mir, zwei Damen gesetzt, die wohl bekannt waren mit der Betreiberin.  Sie drehte sich zu ihnen, und fing an " von dem jungen Mann " zu erzählen, der von Frankfurt nach Griechenland mit dem Rad gefahren ist." Plötzlich hörte das halbe Cafe zu, Köpfe drehten sich in meine Richtung. Mir war es  ein wenig unangenehm, so plötzlich im Rampenlicht zu stehen. Es kam mir beinahe so vor als wäre ich bei einem Vortrag! Nach Wochen mit mir und meinen Gedanken alleine, musste ich mich zuerst mal wieder ganz allgemein auf grössere Ansammlung von Menschen gewöhnen. Ich erzählte ein wenig von den Motiven und Hintergründen der Tour. Von den gesellschaftlichen Verhältnisse, von dem Getrieben sein in einer Leistungsgesellschaft.

Und dann passierte das letzte "kleine Wunder " dieser Radtour, insbesonderer dieser Rückreise, die davon ja nur so gespickt war. Ich machte anstalten gehen zu zahlen, und hielt Ihr einen 5€ Schein entgegen. Sie sah mich freundlich an und meinte: " Auf Ihrer heutigen Schlussetappe nach Frankfurt lade ich Sie zu diesem Frühstück ein!" Kawumh. Ich war baff. Ich bedankte mich herzlich, schrieb ihr beim rausgehen noch meine Blogadresse auf und ging aus dem Cafe.  Vor zwei Tagen der Mann von der Tafel, heute eine Cafebesitzerin. Ein leichtes Grinsen legte sich auf mein Gesicht. Ein Ausdruck von Vertrauen und Dankbarkeit. Ich wollte nicht lange darüber nachdenken, sondern mein Herz mit diesen Eindrücken füllen. Ich werde es brauchen würden, für die Tage und Wochen nach diesen Erlebnissen, als kleiner Schutzwall für all das Kommende, das nichts mit dem Erlebten der vergangenen Monate zu tun haben wird. Aus irgendeinem Grund wusste ich es heute schon!

Auf zu neuen Ufern

Weiter entlang des Mains. Während ich auf einer Bank sitze hält vor mir ein Radfahrer und spricht mich an. Nach einem kurzen Small-Talk fahren wir zusammen weiter. Während der Fahrt unterhalten wir uns. Ich bin neugierig, er ist ein Einheimischer. Zu dieser Zeit spielte ich noch mit dem Gedanken, nach Frankfurt um zu ziehen. Egal wohin, zuerst mal raus, wieder auf eigenen Beinen stehen. Raus aus der geistigen Enge. Raus aus oberflächlichen Getratsche und hinterlistigen Gehetze. Kurz: Raus aus diesem "Kaff". Vor 2 Jahren blieben nicht viel Alternativen, und für die Reisezeit war es ok. Die ist jetzt aber vorbei. Für die vorübergehende Bleibe bin ich dankbar, und das wars. Der Reiseautor und Schriftsteller Andreas Altmann würde sagen: " Raus diesem Scheissloch". Gerade schrieb er das Buch seines Lebens, wenn man so will, seine Biografie, für die er 20 Jahre Erfahrung als Reisender und Autor sammelten musste, um es nicht in einem "ambulanten Tränensackbericht "ausarten zu lassen, wie er es mal in einem Interview nannte. Das Buch ist eine gnadenlose Abrechnung mit der Scheinheiligkeit des Katholizismus, und dem Mief des provinziellen Kleinbürgertums. Und für mich ein Ansporn.

 Zurück zum Main. Ich frage meinen freundlichen Mitradler, der Ende der Fünziger ist und im vorzeitigen Ruhestand, wie es sich leben läßt, im Rhein-Main Gebiet, oder kleiner, im Umkreis von Frankfurt. Nein, wirklich positives kann er nicht berichten. Drei mal wurde ihm das Fahrrad geklaut, zweimal auf der Arbeit, am helligsten Tag. Natürlich war es immer abgeschlossen. Klar, das kann überall passieren, in jeder grösseren Stadt. Aber es gibt auch Statistiken und da steht Frankfurt nicht gut da, ein unrühmlicher erster Platz, bei  Einbrüchen und Diebstählen. Ich möchte wissen, wie er die Frankfurter, die breite Masse, so einschätzen würde? Ob die Klischees, nach denen die meisten "Stinkstiefel und Miesepeter" seien, aus seiner Beobachtung zutreffen? Ein leichtes Grinsen setzt sich auf sein Gesicht: "Naja, wirklich herzlich würde ich sie nicht bezeichnen." Zehn Kilometer vor Frankfurt verabschieden wir uns. Das Gesagte deckt sich mit meinen Eindrücken der letzten Jahre. Wie bei allen, man kann es nie pauschalisieren, aber es gibt eine breiten Durchschnitt, wie in allen Populationen. Und irgendwie spüre ich es auch. Nach den unterschiedlichen Regionen und Menschen der letzten Wochen, den herzlichen Italienern, den offenen Österreichern, den lebensfrohen Bayern,  folgen nun die mürrischen Hessen. Nicht alle, aber viele. Ich weiss ja wovon ich rede. Ich weiss, wie lange es gedauert hat bis ich "weltoffener" wurde. Dazu bedurfte es des Reisens in ganz andere Kulturkreise. Und eine natürliche Offenheit, diesen zu begegnen, mit Neugier, nicht mit Vorurteilen.

Ich setze mich auf eine Bank und schaue auf den Main. Nein, ich kann hier nicht länger leben! Zu sehr habe mich die Reisen und Erfahrungen der letzten Jahre geprägt, haben mich Offenheit, Toleranz, Fröhlichkeit und Miteinander gelehrt. Nach wenigen Wochen würde ich all das verlieren, würde mich wieder anpassen müssen, an das bestehende Umfeld. Würde quasi von ihm aufgesogen, ohne das ich was tun könnte. Ich weiss es, ich habe es immer wieder nach meiner Rückkehr erlebt.  Würde zu einem Jammer- und Keifsack verkommen, über alles und jeden hetzen und lamentieren. Lethargisch, kraftlos, freudlos. Depressiv ist nicht weit davon entfernt. Ich würde mein Innerstes verleugnen und vergewaltigen. Es liegt ein Hauch von Abschied in der Luft; Goodbye Hessen. Es war schön, aber nun wird es Zeit zu gehen.



Mit ein wenig gedrückter Stimmung fahre ich weiter. In den nächsten Wochen wartet einiges an Arbeit auf mich, an Organisatorischem. Ich wusste es schon in Griechenland, jetzt, wo es immer näher kommt, hat es nochmal eine andere Note. Fünf Kilometer weiter sehe ich die ersten Umrisse der Frankfurter Skyline, "Mainhatten", wie sie auch genannt wird, die Stadt der Banken, der Schauplatz von hemmungslosen Spekulationen ohne jegliche Substanz, dem grössten Irrsinn unserer Zeit. Und darum möchte ich Menschen treffen, die diesen Irrsin genauso verabscheuen, wie ich. Und nicht länger tatenlos zuschauen wollen. Auf zum Occupy-Camp..



Freitag, 4. Mai 2012

Von der Leichtigkeit des Reisens

Tag 19: Bamberg - Würzburg

Schon nach den ersten Kilometern empfängt mich an diesem Morgen ein weiteres mal mein liebster Freund beim Rad fahren: der Gegenwind. Diesmal war er so freundlich und wehte sogar noch etwas stärker als gestern. Zermürbend. Ich bin kein erklärter Bergfahrer, aber anstelle eines heftigen Winds von vorne, ziehe ich jede Steigung vor. Erklärtes Tagesziel für heute: Würzburg. Dort wartet der letzte "Warmshowers-Kontakt" der Rückfahrt auf mich, mit dem ich gestern Kontakt aufgenommen hatte. Mal wieder kurzfristig, mal wieder per Sms und mal wieder klappte es. Glück muss man haben. Oder einfach nur Vertrauen?

 Aljoscha, so heisst der freundliche Zeitgenosse, der mir nach 107 kräftezerrenden Kilometern im Wind die Tür öffnet. 30 Jahre jung und Jurastudent im fortgeschrittenem Semester. Er lebt mit seiner französischem Freundin in einem 5-stöckigem Haus unter dem Dach in einer grossen Wohnung. Das Haus gehört der Großmutter und somit fällt keine Miete an. Auch ein Weg Geld zu sparen! Seine Freundin ist heute nicht da, und so kocht er für uns beide alleine eine grosse Portion Nudeln mit Tomatensoße. Zuvor konnte ich noch Menüwünsche äußern. Nach so einer langen Etappe braucht ein hungriger Radler nur eins: Kohlenhydrate. An Nudeln könnte ich mich nie satt essen. Während des Essens haben wir eine angeregte Diskussion über unser derzeitiges Demokratiesystem. Aljoscha arbeitete einmal während seines Studiums bei einem Lobbisten in Brüssel, also bei der EU. Einer Berufsgruppe, die in der öffentlichen Meinung einen genauso grossen Stellenwert hat, wie die Zeugen Jehovas, Staubsaugerverkäufer oder Versicherungsvertreter, auch bekannt als "Klinkenputzer". Seine Einsichten und Meinungen dazu waren sehr interessant und gaben mir einen ganz anderen Blick auf die Arbeit eines Lobbisten und die Arbeit des Europaparlaments. Bis 1 Uhr nachts sassen wir in der Küche und unterhielten uns über ein Bedingungsloses Grundeinkommen, direkte Demokratie und die Vor- und Nachteile einer Leistungsgesellschaft.


Tag 20: Würzburg - Faulbach

Nein, nach Frühling sieht es hier in Deutschland noch nicht aus. Nach dem Frühstück, das ich alleine und bedächtig in der Küche einnahm, da mein Gastgeber nach eigenem Bekunden für gewöhnlich etwas länger schläft, betrat ich wieder die Strasse und schaute in einen bewölkten und stürmischen Himmel. Aljoscha war so nett und gab mir eine Adresse aus dem "Dachgeberverband", einer ähnlichen Organisation, wie die "Warmshowers", nur das man sich bei den Dachgebern gebührenpflichtig registrieren muss und dafür dann ein schmales Adressbüchlein zugeschickt bekommt. Der Wohnort der Dame war in Kleinwallstadt und dies sollte mein heutiges Tagesziel werden. So plante ich jedenfalls noch am frühen Morgen. Vier Stunden später sah das Ganze schon anders aus. Die letzten zwei Tage mit starkem Gegenwind hatten doch mehr an meinen Kräften gezehrt als erwartet. Bis nach Kleinwallstadt wären es gute 80 Kilometer gewesen. Bei Faulbach merkte ich, dass ich es soweit heute nicht schaffen würde.

Also galt es einen geeigneten Platz zum zelten zu finden. Nicht direkt neben dem Radweg, wenn möglich mit einer Sitzgelegenheit und windgeschützt. Vielmehr Anforderungen muss der Platz  nicht erfüllen. Beim örtlichen Angelverein wurde ich fündig. Vor dem Vereinsheim standen eine ganze Reihe von Autos. Heute war ja Samstag, und somit eine gute Gelegenheit sich im Vereinsheim bei einem Glas Bier über die jüngsten Fangerfolge auszutauschen. Oder über Fußball, Frauen und dem Scheißjob der am Montagmorgen wieder beginnt. Als ich die Tür öffnete betrat ich eine Räucherkammer. Obwohl die für die Fische doch draussen war?! Hier wurden Menschen geräuchert, der letzte Schmalz im Hirn wurde konserviert. An der Theke sassen aufgereiht auf Hockern eine Horde dickbäuchiger Männer mit roten, aufgedunsenen Gesichtern. Das erste Bier war hier schon lange Vergangenheit. Flotten Schrittes ging ich auf diese Enklave der Heiterkeit zu. Ich stellte mich auf plumpe Prollsprüche ein: "Na Junge, wo kommst du denn her. Siehst aber ganz schön abgemagert aus. Trink mal zwei Bier, damit du wieder was auf die Rippen kriegst." Überraschenderweise blieb dergleichen aus. Die runden Gorillas waren offensichtlich in wichtigeres verwickelt: "Nur weil ich Bayernfan bin", "Der Scheiss Club hat am Wochenende schon wieder gewonnen.", " Ey, hast du die neuen Bilder von der Katzenberger in der Bild gesehen. Die könnte in meinen Armen auch mal schnurren. Hoahaaaa."
  Nach zwei Minuten verspürte ich erste Anzeichen von akuter Atemnot, so verqualmt war der ganze Raum. Ich musste hier schnell wieder raus, nicht nur wegem des Qualms. Ich trug mein Anliegen einem jungem Typen an der Theke vor. "Joa, kein Problem, hier kommen öfters mal Radler vorbei. Hier hast du einen Schlüssel fürs Klo. Musst aber einen Eimer Wasser mitnehmen. Wir haben hier keinen Anschluss an die Leitung. Kommt alles aus dem Brunne. Kannst dein Zelt irgendwo da draussen auf der Wiese aufschlagen."

Gesagt getan.Wenig später saß ich draussen unter dem Vordach an einer Kirmesgarnitur und bereitete mir mein Abendessen zu. In regelmäßigen Abständen öffnete sich die Tür von der Qualmbude und ein Anglergenosse betrat die frische Luft. Um dann, wenige Meter von meinem Sitzplatz entfernt, hinter einer Bude auf der Wiese genüsslich seine Notdurft zu verrichten. Soviel zum Klo ohne Anschluss an die Wasserleitung. Abends telefonierte ich noch kurz mit meinem Bruder und dann hieß es schleunigst in meinen Schlafsack zu schlüpfen. Der kühle Abend kündigte eine noch kühlere Nacht an.



Tag 21: Faulbach - Stockstadt

- 2° Grad Celsius. So kalt war es am Morgen als ich aus dem Zelt kam. Ablesen konnte ich es am Thermometer, das am Vereinsheim hing. Auf dem Zelt war wieder gefrorener Raureif, die Wiese war geziert von weisen Kristallen. Ich zog alles an was ich finden konnte, machte mir ein schnelles Frühstück und baute mein Lager ab. Und dann passierte es. Doch noch am letzten Tag der Tour. Über 80 Tage hatte sie gehalten, Sturm und Regen überstanden, nun beim abbauen mit klammen Fingern und gefrorener Zeltplane, machte es auf einmal Krach: die vordere Zeltstange brach in zwei. Ich fluchte. Ich hatte es so oft gemacht, war immer vorsichtig. Wahrscheinlich wegen des Frosts.Natürlich schlitzte sie auch gleich noch die Plane mit auf. Der erste Gedanken der mir kam, war, wie ich heute im Occupcamp mit kaputten Zelt schlafen sollte? Heute wollte ich dir Tour nämlich dort beenden, wo sie vor sechs Monaten begonnen hatte: in Frankfurt. Aber nach der ersten Wut und dem Schreck, stellte sich sofort wieder mein Lösungsdenken ein. Ich hatte eine Reparaturhüls und Klebeband dabei. Damit sollte man etwas anfangen können.


 Wenigstens die Sonne begrüsste mich an diesem Morgen. So gleichen sich die unschönen, mit den schönen Momenten immer wieder schnell aus! Und man findet sie im Alltäglichen, im Kleinen, nicht im Grossen, wenn man lernt darauf zu achten: wärmende Sonnenstrahlen, zwitschernde Vögel, ein nettes Lächeln, eine grandiose Aussicht. Im Vergleich dazu ist doch eine gebrochene Zeltstange rein gar nichts?

Alles rollte ich weiter. Im Sonnenschein und entlang des Mains. Ich sitze gerne auf einer Bank und schaue den vorbeifahrenden Binnenschiffern zu. Ein Leben auf dem Wasser, ein Leben in weitesgehender Selbstbestimmung. Diese Pötte sind das Heim und der Arbeitsplatz zugleich, der ganze Besitz und Stolz des Skippers. Der Vergleich mit meinem derzeitigen Leben auf dem Rad drängt sich auf. Unterwegs zu sein, alles dabei zu haben was man braucht und jeden Tag etwas neues sehen - nicht das Alte, immer Gleiche. Wobei, auch bei den Schiffern stellt sich nach einer gewissen Zeit, Routine und Wiederholung ein, die immer gleichen Häfen, Flüsse und Kanäle. Aber trotzdem, der Job bietet mehr Abwechslung als an einer Stanzmaschine in der Fabrikshalle. Wie auch immer, da bleibe ich doch lieber an Land, auf meinem Rad und sehe definitiv jeden Tag neue Landschaften, Städte und Menschen.

In Bürgstadt ein weiteres "kleines Wunder" und Beweis der Gastfreundschaft auf Reisen, wenn man auf die richtigen Menschen trifft. Ich biege vom Radweg  in eine kleine Wohnsiedlung ab. Vor einer alten Scheune bleibe ich stehen und fragen einen Mann, der gerade auf einer Leiter steht und Lampen abhängt, ob er mir meine 1,5 l Flasche mit Leitungswasser auffüllen könnte? Sofort bekomme ich ein Ja zu hören. Er geht in einen Innenhof, indem  noch viele andere Leute herumstehen. Wie so oft in letzter Zeit komme ich schnell ins Gespräch mit den Menschen. Gestern Abend fand hier eine grosse Geburtstagsfeier statt. Als sie erfahren, wo ich herkomme, bieten sie mir sofort Kuchen vom Vortag an. Mit einer gefüllten Tupperbox, eine vollen Wasserflasche und weiteren netten Eindrücken verlasse ich nach 30 Minuten wieder das Gelände.

Nach Miltenberg bemerke ich aufgrund der Kilometerangaben auf dem Wegweiser, das ich mich bezüglich der  Distanz verschätzt habe. Wenn ich heute noch bis Frankfurt durchschiessen will, wären das am Ende  um die 130 km. Ich habe es ruhig angehen lassen und einige Pausen gemacht. Dadurch ist mir die Zeit davongerannt. Ich würde abends erst nach 21 Uhr ankommen. Kurz hinter Aschaffenburg beschliesse ich somit für heute abzubrechen. Der grosse Zieleinlauf wird auf morgen verschoben. Es wären dann genau drei Wochen nach meinem Aufbruch von Venedig. Damit kann ich gut leben. In der Nähe meines ersten Zeltplatzes von der Hinfahrt, suche ich mir ein ruhiges Plätzchen in den Mainauen. Ich weiss, dass es heute Nacht wieder kalt werden wird. Nach der dritten Nacht habe ich mich fast schon daran gewöhnt. Und außerdem, macht dies nicht gerade so eine Tour, oder allgemeiner gesprochen, dass ganze Leben aus - immer wieder neue Herausforderungen und Grenzbereiche zu suchen und zu erfahren? Ich glaube schon, zumindest für mich.




Mittwoch, 2. Mai 2012

Wunder und Zeichen

Tag 16 + 17: Nürnberg - Forchheim

Nach der gestrigen Mörderetappe wurde es heute gemächlicher. Nach Nürnberg war mir die Strecke bestens vertraut von der Hinfahrt. Immer entlang der Regnitz. Und so war es nach Forchheim nur ein "Katzensprung" im Vergleich zu den Etappen der letzten Tage. Dort wartete auch schon der nächste freundliche Gastgeber auf mich. Auch wohl bekannt von der Hinfahrt. Nach rund 40 km stand ich vor der Haustür von Christof,  einem mittlerweile zum Freund gewordener Radler, der vor 5 Jahren mit seiner damaligen Freundin eine Weltradreise machte, und im Sommer diesen Jahres den Sprung in die Ungewissheit als freier Autor wagt. Herzlichen Glückwunsch und Willkommen im Club, Herr Kollege! Zwei Tage verbrachte ich wieder bei Christof, der wie immer sehr gastfreundlich war und mir die Gegend bei einer Wanderung  zeigte. Als kleine Gegenleistung zauberte ich uns ein Mittagessen.

Tag 18: Forchheim - Bamberg

Am Morgen empfing mich gleich ein Hammergegenwind, der den ganzen Tag lang auch anhielt. Außerdem war es deutlich kühler als gestern, aber noch im grünen Bereich. Kälte macht mir mittlerweile weniger aus als extreme Hitze. Die Tour näherte sich mit grossen Schritte dem Ende entgegen , und eine Sache fehlte noch von den Dingen, die ich mir für die Rückfahrt vorgenommen hatte: der Besuch einer Tafel in Deutschland, jener Organisation, die sich seit Jahren eines ständigen Wachstums erfreut und deren Einsatz für viele Menschen immer wichtiger wird.

 Die grossen Supermarktketten stellen Lebensmittel, die kurz vor und nach dem Ablaufdatum stehen,  den Tafeln zur Verfügung, anstatt sie wegzuschmeissen, was aber täglich immer noch passiert, wie ich später erfahren musste. Die Organisation und Ausgabe der Lebensmittel basiert auf komplett ehrenamtlicher Arbeit und finanziert sich durch Spenden. Ich wusste schon aus Gesprächen der vergangenen Tage, dass die Tafeln eigentlich nur an nachweislich Bedürftige etwas herausgeben dürfen. Sprich, mit einem Hartz-IV Bescheid oder einer Sozialkarte in der Hand. Dieses "nachweislich" machte mir ein wenig Gedanken. Ich war ja nun seit einigen Tagen wieder in einem Land, in dem alles über Verordnungen, Gesetze und Bestimmungen geht und dieses Amtsdenken ja auch sehr oft in de Köpfen der Verantwortlichen verankert ist. Nach dem Motto: Da kann ja jeder kommen! Ich wollte es mal wieder ausreizen, ich wollte es drauf ankommen lassen: Geben die Mitarbeiter dieser Organisation auch etwas an einen "Bedürftigen", der ganz sicher keinen Nachweis hat, ausser vielleicht ein vollbepacktes Fahrrad und ein müdes und hungriges Gesicht?!

Die Antwort darauf war ebenso eindeutig wie überraschend. Aber der Reihe nach. Als ich in Bamberg ankam ging ich zuerst mal wieder in die Tourist-Info. Eigentlich wollte ich dort nach Informationen zu einer Suppenküche oder eben der Tafel fragen. Ich stand fünf Minuten in der Halle und hörte den telefonierenden Mitarbeitern zu. "Ja, das alles kann ihnen die Faszination Weltkulturerbe Bamberg bieten. Ja wir haben auch ein Erlebnisbad, selbstverständlich. Die Stadtrundfahrt kostet 40 Euro für dieses einmalige Erlebnis Faszination Weltkulturerbe Bamberg. Sie haben auch die.... " Nach sieben Minuten war ich wieder draussen. Ich hätte es nicht über die Lippen gebracht, dem durchgestylten Servicemitarbeiter "in der Faszination Weltkulturerbe Bamberg", nach soetwas, wie einer Suppenküche zu fragen! Den Ausdruck eines peinlich berührten Gesichts wollte ich uns beiden ersparen. Als ich draussen war, fragte ich mich kurz, ob der erste Gedanke des jungen Mannes, jeden Morgen nach dem Aufwachen, der immer gleiche sei: "Willkommen in der Faszination Weltkulturerbe Bamberg..."?

Ok, also auf zur nächsten Anlaufstelle. Ab zur Kirche. Dort würde es mir entschieden leichter fallen nach Einrichtungen für Notleidende zu fragen. Zehn Minuten später stand ich am Empfang eines Gebäudes direkt gegenüber des Doms, was definitiv zur Kirche gehörte, dessen genaue Funktion ich aber vergessen habe. Die  nette Frau wusste gleich Bescheid und ich brauchte kein peinlich berührtes Gesicht erwarten. Sie drückte mir einen Zettel mit Adressen in die Hand. Es gab überraschend viele Einrichtungen dieser Art, in der Stadt der Faszination Weltkulturerbe. Alle von kirchlichen Trägern. Eine Wärmestube von der Caritas, einen Vinzenverein und eben auch eine Tafel. Die Wärmestube hatte schon zu und so führte mich mein Weg zu der Tafel. Ich musste zunächst ein wenig suchen um dann nach 20 Minuten des Radelns in einem Wohngebiet vor einem grossen Haus zu stehen. Ich fuhr in den Hof und stellte mein Rad ab. Links erspähte ich den weißen Transporter. Was sich in den nächsten 15 Minuten abspielte, kann ich nur als das "Wunder von Bamberg" bezeichnen. Ein älterer Herr mit Halbglatze und graumelierten Schläfen stand im Hof und war gerade dabei Erde in eine Schubkarre zu schaufeln. Ich sprach ihn an und stellte mich vor. Schnell stellte sich heraus, dass er der Vorsitzender der Bamberger Tafel, sowie des angeschlossenen Vinzenz Verein, ist.

Wir unterhielten uns einige Minuten. Natürlich erzählte ich von meiner Tour und meinen damit verbundenen Anliegen und Vorhaben. Ich stellte aber auch Fragen, war neugierig von der Arbeit und dem Alltag der Tafel zu erfahren. Interessantes bekam ich da zu hören. Nein, nicht nur Harz-IV Empfänger stehen an den immer länger werdenden Schlangen, auch Selbstständige, die nicht wissen wie sie über die Runden kommen sollen, oder  Leute mit einem ganz normalen Vollzeitjob, denen das verdiente Gehalt bis zum Ende des Monats nicht ausreicht. Natürlich fragte ich nach dem Thema "nachweislich Bedürftig". Ja, antwortete mir der nette Mann, im Prinzip sei das richtig. Aber wenn jemand in der Schlange steht und nichts mehr zu essen hat, wird er nicht weggeschickt, weil er keinen Hartz-IV Bescheid in der Hand hat!  Es wird allen etwas gegeben.
Ich merkte schnell, hier steht eine weitere "Seele des Alltags" vor mir. Er erzählt mir, dass er vor einigen Tagen ein junges Paar unter der Brücke aufgesammelt hat, die wohnungslos bei minus 13 Grad dort ausharrten. Er vermittelte sie in eine Sozialwohnung. Sein Engagement geht weiter über die ehrenamtliche Tätigkeit bei der Tafel hinaus. Wenn er Not und Elend sieht, handelt er. Und so brauche ich nicht lange zu fragen. Selbstverständlich könne ich etwas bekommen. Wir gehen zu seinem Lieferwagen. Er öffnet die Schiebetür und vor mir stehen Körbe voller Brot. Leider gibt es derzeit nicht mehr, da er gestern die Märkte wegen Brot abgefahren hat. Ich nehme mir eine Tüte mit geschnittenem Biobrot.

Anschliessend zeigt er mir noch ein wenig seinen Betrieb. Er ist nämlich selbstständig und ich stehe gerade auf seinem Gelände. In einer Halle fülle ich an dem Wasserhahn meine Wasserflasche auf. Er bietet mir aber sofort eine 1,5 l Flasche Volvic an. Zuerst lehne ich dankend ab, wegen dem Gewicht, nehme sie dann aber doch. Muss ja heute noch kochen und wegschütten kann man es immer noch. Wir unterhalten uns noch ein wenig, er gibt mir einen Flyer der Tafel mit und ich begebe mich langsam wieder zum Rad. Gerade als ich mich verabschieden wollte, passiert das "Unglaubliche". Er schaut mich an, lächelt, und streckt mir seine Hand entgegen mit den Worten: " Hier, für die nächsten zwei Tagesetappen."  Ich schaue ihn kurz verdutzt an, erblicke dann seine Hand und sehe darin zwei 5€ Scheine! Ich bin zuerst mal fassunglos. "Nein, das kann ich doch nicht annehmen, Sie haben mir doch schon Brot und Wasser gegeben. Ich komme schon über die Runden." "Nein bitte nehmen Sie, es ist ok." Ich nehme die 10€ und bin sprachlos. Ich bedanke mich tausend mal und versichere ihm, das ich unter anderem wegen solchen Menschen wie ihm, immer wieder auf Reisen gehe. Um diese "Raritäten" im Morast der Empathielosigkeit und des Egoismus zu finden.

Auch wenige Minuten später auf dem Rad kann ich es noch nicht glauben. Die 10€ kamen aus seiner privaten Tasche und nicht aus der spendenfinanzierten Vereinskasse. Obgleich, dies keinen Unterschied in Hinblick auf die Grosszügigkeit und Menschlichkeit dieser Tat gemacht hätte. Zur Feier des Tages, oder der bisherigen Tour, gönne ich mir in einer Pizzeria eine grosse Pizza Mozarella und denke bei jedem Bissen an meinen grosszügigen Spender. Der junge Besitzer ist Kosvo-Albaner. Als er erfährt das ich auf meiner Fahrt nach Griechenland auch durch sei Heimatland Albanien kam, lädt er mich direkt zu einem Glas "Caj" ein. Das Abendessen habe ich schon mal eingenommen. Gestärkt und mit vielen positiven Eindrücken neigt sich der Tag dem Ende zu. Kurz hinter Bamberg schlage ich am Mainufer auf einem Spielplatz mein Zelt auf.

Es ist stark bewölkt und es sieht nach Regen aus. Dies kann aber meine innere Verfassung nicht eintrüben. Als ich am frühen Abend in meinem geliebten, kuscheligen Schlafsack liege fallen mir zwei Zitate ein, die ich einmal irgendwo gelesen habe. Von zwei Menschen, deren Leben unterschiedlicher nicht hätte sein können, und deren Worte den heutigen Tag nicht hätten besser abschliessen können. Beide haben der Menscheit etwas einzigartiges hinterlassen, auf ganz unterschiedlichen Ebenen.

 Einmal von einem grossen Pionier und Visionär des 21. Jahrhunderts: "Wenn ich morgen sterbe, würde ich dann tun, was ich heute tue?" (Steven Jobs)

Zum anderen von einer Frau, die mit ihrem ganzen Leben, ein Inbegriff von selbstloser Liebe und Mitgefühl war: "Das Gute, dass du heute tust, werden die Menschen morgen oft schon wieder vergessen haben. Tu weiterhin Gutes." (Mutter Teresa)


Dienstag, 10. April 2012

Frostige Nächte und herzliche Begegnungen

Münchener Tage

Nach meinem Aufenthalt bei dem Warmshowers-Kontakt in München fuhr ich am dritten Tag nach Maisach-Germerswang zu meinen nächsten Gastgebern, die mich freundlicherweise für weitere zwei Tage aufnahmen. Auf dem Radweg traf ich auf eine junge Frau mit blonden Haaren und schickem Rennrad. Wir wollten beide Richtung Fürstenfeldbruck, aber nicht über die vielbefahrene Bundestrasse. Sie kannte sich ein wenig aus und so fuhren wir zusammen die 10 km bis kurz vor Fürstenfeldbruck. Natürlich fragte sie gleich nach meinem vollbepacktem Fahrrad, wo ich herkomme, wieviel Kilo Gepäck, der übliche Small Talk halt, wie so oft in den letzten Monaten. Aber ich mache das immer wieder gerne, auch ich tausche mich gerne aus, bin neugierig, stelle Fragen. Vor rund 2 Jahren, als ich noch ein absolutes "Greenhorn" in Sachen Tourenradler war, fragte ich diverse Weltumradler per email und am Telefon Löcher in den Bauch. Heute gebe ich gerne etwas von meinen gewonnenen Erfahrungen ab und freue mich immer, wenn ich weiterhelfen oder inspirieren kann. Am Ende verabschiedeten wir uns, ohne die Namen voneinander zu erfahren haben, etwas, was mir während der Tour sehr oft passierte. Sie erwähnte noch, dass sie im Sommer vor hat, mit dem Mountainbike eine Alpenüberquerung zu machen, 10.000 Höhenmeter in wenigen Tagen. Respekt. Ich gab ihr meine Blogadresse und wünschte Ihr für Ihr Vorhaben alles Gute.

Nachtrag: Carolin, so der Name der jungen Radlerin, hat sich mittlerweile per email bei mir gemeldet. Sie bedankte sich für diese kurze Begegnung, die sie sehr inspiriert hat. Sie war sich noch nicht ganz sicher, ob Sie die Transalptour wirklich machen sollte, leise Zweifel und Ängste mischten noch mit. Unser Gespräch hätte ihr den entscheidenden Impuls gegeben. Außerdem fand Sie meine Reiseerzählungen so spannend, dass Sie nach ihrem Studium eine einjährige Auszeit nehmen will, um mit dem Rad die Welt zu erkunden.
Ich kann das nur begrüssen und wünsche Ihr eine spannende und erfahrungsreiche Zeit.

Michael und Petra aus Maisach


An einem Samstag und dem 13. Tag dieser Rückreise, verliess ich nach 4 Tagen am späten Nachmittag die heimliche Hauptstadt an der Isar, im leichten Nieselregen und mit vielen neuen Eindrücken im Herzen. Hinter mir lag ein spannender und schöner Tag mit einer alten Bekannten, einer mittlerweile zu einer guten Freundin gewordenen Reisebekanntschaft. Wir lernten uns vor über einem Jahr in Indien kennen. Nach wenigen Kilometern schlug ich mein Zelt in der Nähe von Unterföhring auf. Auf einer Wiese neben einer kleinen Kappelle. Eine der kältesten Nächte der ganzen Tour wartete auf mich.

Tag 14: Unterföhring - Ingolstadt

Am Morgen war gefrorener Raureif auf meinem Zelt. In der Nacht waren es bestimmt einige Grad unter Null und der Schlafsack kam in seinen Grenzbereich. Aber nicht meine Stimmung. Ich war nachwievor voller Elan und Tatkraft. In einer halben Stunde war mein Lager abgebaut und um 8 Uhr sass ich schon auf dem Rad. Da mir der "Warmshowers-Kontakt" in Ingolstadt kurzfristig absagte, schlug ich kurz vor Ingolstadt, in einem kleinem Dorf, mein Zelt hinter dem Feuerwehrhaus auf einem Spielplatz auf. Zelt aufbauen, Wasser besorgen, Nudeln kochen, in den kalten Schlafsack schlüpfen und hoffen das ich diesmal nicht die ganze Nacht durchzittern würde.



Tag 15: Ingolstadt - Nürnberg

Wieder eine frostige Nacht. Und wieder eine kleine Begebenheit, die mich trotz schon soviel Erlebten, fast zu Tränen rührt. Was hatte ich noch vor gut einem Jahr alles für Bedenken und Ängste. Insbesondere was das "Wild campen " in Deutschland angeht. Auf soviele Bedenkenträger bin ich gestossen, die mich vorwarnten: betrunkene Jugendliche überfallen dich nachts, die Polizei verhaftet dich, dein Fahrrad wird geklaut, aufgebrachte Anwohner verscheuchen dich. Ich musste meine eigenen Erfahrungen machen, musste durch meine eigenen, eingeredeten Befürchtungen hindurch. Um als Resultat heute weitesgehend angstfrei zu sein, zumindest was das wild campen angeht, aber nicht nur dort. Zur Veranschaulichung möchte ich eine alte Analogie heranholen. Zugegeben, eine banale, oft bemühte und ziemlich abgedroschene. Aber doch zum Verständnis sehr passende. Es ist der alte Vergleich, die alte Wahl, zwischen der Sichtweise auf die Dinge: Ist das Glas Wasser halb voll oder halb leer?

Jahrelang gehörte ich zu der "Halbleer Fraktion". Heute definitiv zu der "Halbvoll". Es ist eine Frage, worauf man seinen Fokus und seine Aufmerksamkeit lenkt.  Bin ich im Vertrauen und in der Gelassenheit verankert, darauf das in 9 von 10 Fällen "alles gut" geht, sich niemand beschwert, mich niemand belästigt, mich niemand verhaftet? Jetzt schreien die Bedenkenträger " Aber wenn einmal, dann ist es zu spät." Ja, Wenn! Aber mein innerer Fokus liegt auf der Mehrzahl der Fälle, wo nichts passiert ist. Anders, ich denke darüber gar nicht nach. Weil darin liegt der Hund begraben, im Hirn, beim Grübeln, Nachdenken über "Aber es könnte ja..".
Das ist keine Einladung zum Leichtsinn. Wenn eine Horde betrunkener Jugendlicher auf dem Spielplatz gewesen wäre, deren Hemmschwellen heutzutage sehr niedrig geworden sind, hätte ich mein Zelt irgendwo anders aufgeschlagen. Wobei, das sei auch gesagt, man kann das nie pauschal im voraus sagen.

 Egal in welcher Situation, es ist ein sekundenschnelles Abwägen, ein Gespür, ob eine Situation heikel werden könnte. Aber auf der Basis von Vertrauen, Zuversicht und Gelassenheit. Und ich glaube, dies ist der Grund dafür, das es auf meinen Reisen immer wieder zu solchen Situationen kommt, wie diese: Gerade als ich mein Zelt verstaut hatte, dabei war, die Packtaschen an das Rad zu hängen, drehe ich mich um, und sehe plötzlich eine Frau vor mir stehen. Ich schaue in ein freundliches Gesicht und sehe eine Tasse Tee in Ihrer Hand: "Hier bitte, für so einen hartgesottenen Mann. Sie können dann die Tasse vor die Garage stellen." Die Frau kam von dem gegenüberliegenden Haus und hatte mich bestimmt schon am Vorabend gesehen. Ich bin überwältigt und bedanke mich. Mit klammen Fingern setze ich mich auf die Bank und umschliessen mit beiden Händen die wärmende Tasse. Henry Miller notierte einmal: " Leben ist, was uns zustößt, während wir uns etwas ganz anderes vorgenommen haben."

Der frostige Morgen begrüsst mich einem strahlendem Himmel, mit leichten Schleierwolken und den ersten wärmenden Sonnenstrahlen. Grundsätzlich gehe ich jeden neuen Tag auf dieser Radtour mit der Leichtigkeit und der Freiheit an, die Dinge sich entwickeln zu lassen, sie so zu nehmen wie ich sie vorfinde und nicht wie ich sie gerne haben möchte. Trotzdem, ein paar Dinge habe ich mir vorgenommen. Eines davon ist, unser soziales Netz von ganz unten kennen zu lernen. In Innsbruck war ich bei einer Armenspeisung. Nun, als ich Ingolstadt erreiche, gehe ich in eine Straßenambulanz. Aus zweierlei Gründen: einmal um mich selbst als bewusst einfach Reisender mit dem Nötigsten zu versorgen, soweit möglich, zum anderen, um zu sehen wer in solchen Einrichtungen ein und ausgeht, um eigene und gesellschaftliche Klischees und Vorurteile zu sprengen oder zu bestätigen. Wobei meistens das Erstere zutrifft.
So auch hier. Gleich werde ich freundlich von dem stellvertretenden Leiter, Oliver, begrüsst. Zuerst denkt er, ich sei ein Obdachloser und möchte meine Daten aufnehmen. Wir gehen dann nebenan in den Behandlungsraum und reden ein wenig. Ich erzähle ihm von meiner Tour und was ich mir für die Rückfahrt alles vorgenommen habe. Er ist gleich begeistert und offen, bietet mir sofort an, das ich mich im Lebensmittellager frei bedienen kann.

Die St. Franzikus Straßenambulanz in Ingolstadt wurde 2005 von dem  Franziskaner Martin Berni gegründet. Heute nennen ihn alle nur "Bruder Martin". Zusammen mit seinem engagierten und toughen Mitarbeiter Oliver leitet er diese Einrichtung, die sich komplett aus Spenden finanziert und somit unabhängig ist von kirchlichen Sozialverbänden wie die Caritas, wo oft mehr Bürokratie vorhanden ist, als schnelles Helfen ohne langes Fragen. Er zeigt mir das ganze Haus. Es gibt eine ärztlichen Behandlungsraum, der so modern und grosszügig ausgestattet ist, wie in einer Arztpraxis. Eine grosse Wärmestube, wo es Tee und Kaffee gibt und wamre Mahlzeiten, eine Notschlafstelle mit 4 Betten, betreutes Wohnen. Jeder wird aufgenommen. Es sind nicht nur Obdachlose, wie man gemein hin meint. Oliver erzählt mir einige Geschichten. Ex-Inhaftierte, die frisch aus dem Knast kommen und nirgends unterkommen. Drogenabhängige. Zum betteln gezwungene, behinderte Sinti und Roma ("Bettlermafia"), die stundenlang an eine Ecke gestellt werden. Frauen die von ihrem tyrannischen Ehemann fliehen. Ein Mann, der im Selbstversuch von München nach Nürnberg komplett ohne Geld wanderte, abends in Restaurants nach Essensresten fragte, behandelt wurde, wie ein Leprakranker, und schliesslich von einem asiatischem Schnellrestaurant ein frisch zubereitetes Essen bekam.

Oliver gefällt mir. Er ist schlagfertig, intelligent und hat keine Angst einen klischeebeladenen Oberbürgermeister bloßzustellen. Dieser besuchte die Einrichtung einmal und meinte lapidar zu ihm" Naja, ist ja ganz schön, das es soetwas gibt, aber eigentlich brauchen wir solche Einrichtungen ja nicht, es gibt ja Hartz IV." Oliver ging mit ihm in die vollbesetzte Wärmestube und fragte in die Runde:" Wer von euch bekommt alles Hartz IV". Lautes Gelächter. Der Bürgermeister wird knallrot und wechselt schnell den Raum. Auch von einem Audimanager berichtet er mir, der 8.000€ Boni bekommen hat und nicht weiß, was er mit dem vielen Geld anfangen sollen. Er kann es zwar gut für die Familie gebrauchen, fühlt sich aber innerlich so "leer". Er kommt in die Einrichtung, spendet 1.000€, spielt mit den Obdachlosen eine Stunde "Mensch ärgere dich nicht" und verläßt anschliessend die Einrichtung mit einem anderen Gefühl.
Nach gut einer Stunde verlasse auch ich die Einrichtung, mit einer Packung Reis, Linsen und Schokokeksen auf dem Arm. Und wieder einmal mehr mit dem Gefühl auf dem richtigen Weg zu sein. Vor der Ambulanz machen wir noch ein paar Fotos und verabschieden uns dann herzlich, nicht ohne vorher die emailadressen ausgetauscht zu haben.



Es ist schon spät am Mittag als ich Ingolstadt verlasse, aber der Aufenthalt hat sich gelohnt. Nun heisst es Gas geben. Heute möchte ich es bis nach Nürnberg schaffen. Dort warten nämlich zwei Gastgeber auf mich, natürlich mal wieder "Warmshowers", die mich schon auf der Hinfahrt beherbergt haben. Und wo ich mich von meinem Magen-Darm-Infekt erholen konnte. Es sollte die längste Tagesetappe während all meiner Radreisen werden. Nach 130 km kam ich völlig erschlagen, spät abends um 22.30, bei Helmut und Sabine an, die extra auf mich warteten. Mit Brot, Käse und Apfelsaftschorle konnte ich mich von diesem "Höllenritt" erholen und nebenbei von meinen Erlebnissen erzählen. Um 1 uhr nachts falle  ich dann tot auf die Schlafcouch. Ein weiteres Beispiel von so oft erlebter Gastfreundschaft. Nochmals lieben Dank, Helmut und Sabine.









Sonntag, 25. September 2011

Passau: Good bye Deutschland

Gesamt - KM: 798 (in Deutschland)

Tag 13

Leider hat eine junge Dame vom Kanuclub abends zuvor sehr unfreundlich und schnippig. Nahm mir einen höhren Preis ab, als mit einem Ihrer Kollegen vereinbart.
Es den ganzen Tag ruhig angehen lassen. Immer wieder Pausen gemacht, geschrieben und gelesen. In Regensburg ein paar Fotos vor dem Dom gemacht. Ehrlich gesagt, eine Altstadt wie ich sie schon oft gesehen habe, nichts besonderes. Nach einem gemütlichen Tasse Tee, weiter auf dem Donauradweg geradelt.
Abends dann an einer Ampel in Straubing Reiner kennengelernt. Faszinierende Geschichte, mehr dazu in einem extra Post.

Tag 14

Heute wollte ich eigentlich bis Passau fahren. Nach rund 90 km waren allerdings die Akkus leer. Zuerst auf einer Bank mein Essen zubereitet, dann in einem Dorf, 15 km vor Passau, mein Zelt auf einer Wiesen aufgeschlagen. Vorher einen Einheimischen gefragt. Die Wiese lag allerdings direkt an der Bahnlinie, sodass ich heute nacht immer wieder wachgerüttelt wurde.

Tag 15

Wieder ein Morgen mit viel Nebel, und entsprechender Frische. In einer Bäckerei zuerst mal gefrühstückt und dabei aufgetaut. Heute nun Passau, und somit fast schon in Österreich. Habe mich nach reiflicher Überlegung und Gesprächen, für den Inntalradweg entschieden, der hier beginnt. Also nicht weiter nach Wien, sondern Richtung Salzburg, dann auf dem Murrradweg, Richtung Graz, wo ich zwei Freunde besuchen möchte.

Mal sehen wie es bei unseren Nachbarn mit der Internetversorgung ist, evtl. klappt es so gut wie in D. bei Mc D. Ansonsten wird es wohl Internetcafes geben. Kann aber sein, das es einige Tage länger dauert, bevor ich wieder hier schreiben kann.

Donnerstag, 22. September 2011

Domstadt Regensburg: Wieder Gesund

Tag 10

Dank des gestrigen Ausruhens und den homoöpathischen Mitteln von Helmut, ging es mir heute morgen schon sehr viel besser. Wie kann man sich über festen Stuhlgang freuen:-)
Gesundheit ist nunmal alles, oder die alles andere nichts ist.
Fuhr bis kurz vor Neumarkt i.d.Opf. Nahm mir heute noch mal ein günstiges Gästezimmer.

Tag 11

Voller altem Elan startete ich heute in den sonnigen Morgen. Es ging weiter am König Ludwig Kanal, wirklich nichts besonderes, schmaler Schotterweg. Nach Dietfurt ging es auf den Altmühltalradweg, der schon mehr hermachte. War in so guter Verfassung, das ich fast 90 km abspulte. Gegen 16 Uhr suchte ich mir ein Plätzchen am Main-Donau-Kanal. Zuerst machte ich mir mein Abendessen, dann schlug ich mein Zelt auf.

Tag 12

Nacht war wieder kalt, unruhig geschlafen, aber nicht so nass-kalt wie letzte Woche am Main. Früh los. Tagesziel für heute, Regensburg. Weiterhin sonniges Spätsommerwetter. Bei Kehlheim ging es auf den Donauradweg. Immerhin soll er einer der schönsten Deutschlands sein, bisher aber unspektakulär. Nach rund 50 km kam ich in der alten Domstadt Regensburg an. Heute zu müde, morgen früh werde ich mir ein wenig die Altstadt ansehen, soll eine der schönsten Städte D. sein.
Wieder einmal konnte ich beim örtlichen Kanuclub für 5€ mein Zelt aufschlagen, somit auch wieder eine Dusche. In grösseren Städten möchte ich diese Gelegenheit nutzen, mal sehen wie es in Österreich ist.

Soviel alles Kurzzusammenfassung. Die nächsten Tage möchte ich einen ausführlichen Bericht über die bisherige Reise verfassen, mit ersten Resume, Entwicklungen und Gedanken.

Donnerstag, 15. September 2011

Schweinfurt

Gesamt-KM: 280

Tag 4

In Würzburg erst spät losgekommen. Im McD. konnte ich mein Netbook und Cam-Akkus laden.
Perfektes Radelwetter, Sonne satt. Kräftig in die Pedale getreten.
Entspannt ging es durch Unterfranken, links die Weinreben, rechts der Main. Ein Winzer empfahl mir, mal einen "Bremser" zu probieren, wäre jetzt genau die Zeit dafür.
Mit der Fähre über den Main. Auf der anderen Seite sprach mich ein Einheimischer an. Fragte ihm ob er mir die Wasserflasche vollmachen kann, zum kochen, waschen. Klar, kein Problem.
Danach noch rund 10 km geradelt. Vom Radweg abgebogen, auf einen Feldweg Richtung Main. Dort prima sichtgeschützt mein Zelt aufgeschlagen. Die Nacht war schweinekalt. Hinzu kam, das sich plötzlich massiv mein Magen meldete, bzw. der Ausgang. Musste mehrmals nachts mit Stirnlampe raus. Schwerer Durchfall, jippie. Tablette genommen.
Entweder war es das Leitungswasser von dem Renter, oder eine Pflaume die ich vorher gepflückt hatte? oder beides:-))
Dadurch heute morgen alles etwas langsamer, auf dem Weg nach Schweinfurt, musste ich noch mehrmals die Büsche aufsuchen. An einer Bank mir zuerst mal zwei Tassen Kamilientee gemacht, Haferschleim. Sitze nun wieder beim goldenen M., schlürfe eine Cola, geht langsam besser. Wetter ist nachwievor traumhaft.
Mal sehen wie weit ich heute radel, kommt darauf an was mein Darm dazu sagt:_).

P.S. Erste Bilder sind online

Samstag, 17. Juli 2010

Nordenham

Bin heute in Nordham angekommen, das liegt ca. 10 km vor Bremerhaven. Morgen werde ich wahrscheinl. Cuxhaven erreichen und somit der Abschluss des Weserradweges, aber nicht der Tour:-)

Auf dem Fotostream gibt es die ersten Bilder online...

Dienstag, 13. Juli 2010

Porta Westfalica

Werde heute nach Porta W. die norddeutsche Tiefebene erreichen. Flaches, ruhiges und schönes Land:-)
Gestern das erste mal seit dem Start wieder in einem bett geschlafen, JH in Rinteln.
Die schweren Unwetter haben das Weserbergland verschont. Heute wieder sonniges Wetter, mit erträglichen Temperaturen.
Werde nach einigen Gesprächen mit Radlern, kurz vor Bremen der Weserradweg verlassen, und auf einen anderen Radweg richtung Hamburg, durchs "alte Land" fahren. Soll auch sehr schön sein, und vor allem erheblich Kürzer um an die Nordsee und dann nach Dänemark zu kommen.