Mittwoch, 21. März 2012

Von der Lagunenstadt ins Kloster

Tag 1: Montag, 12.3. Venedig - Treviso, Tages-km: 57,29

 Mein netter Truck-Fahrer liess mich am Hafen von Venedig raus. Am Morgen fragte er mich noch einmal, ob ich nicht doch mit nach Freiburg fahren wollte. Ich lehnte dankend ab. Ich hatte eine Nacht darüber geschlafen und dann war die Sache relativ klar. Ich freute mich wieder darauf völlig auf mich allein gestellt zu sein. Außerdem hatte ich die Route schon so detailliert im Kopf durchgespielt, das ich jetzt nicht einfach gemütlich mit dem LKW nach Freiburg fahren konnte. Mein Gefühl gab mir ein eindeutiges Signal. Und so sass ich nach wenigen Minuten, nachdem ich meine Taschen angebracht hatte, wieder auf dem Rad. Es war ein belebendes, ein frohlockendes Gefühl. Die Sonne lachte vom Himmel, nach 3 Monaten kurbelte ich wieder die ersten Meter, das Herz hüpfte. Ich schien geradezu vor Elan und Tatendrang zu bersten. Ich hatte so viel aufgestaute Energie, die mich nun förmlich durchschoss, das ich das Gefühl hatte, nichts konnte mich aufhalten. Ja, der Überschwang war gross, nach Monaten des ruhigen Lebens.

Noch nicht einmal die störrische Frau von der Tourist-Info. Natürlich, mir war bekannt, das Venedig eine besondere Stadt ist, insbesondere was die Mobilität anbetrifft. Das es aber so engstirnig zu geht, hätte ich nicht gedacht. Es dauerte geschlagene 20 Minuten bis ich einen Platz fand, wo ich mein Rad sicher abstellen konnte. Die Frau von der Info wollte mich aufs Festland, nach Mestre schicken, um dann mit dem Bus in die Stadt zurückzufahren. Das konnte sie vergessen. Sofort packte mich mein Ehrgeiz wieder, sehr oft gepaart mit einer gewissen Dreistigkeit und einer grossen Portion Kaltschnäuzigkeit. So stellte ich mein Rad direkt vor eine Polizeistation, dort ist es wenigstens sicher, und wenn die was dagegen hätten, sollen sie mir halt einen "Strafzettel" anhängen!

 Zwei Stundnen bin ich durch die Stadt gegangen. Was gibt es davon zu berichten? Eigentlich nicht viel. Eine Stadt die ausschliesslich von Touristen lebt, die hier das ganze Jahr rumlaufen, und die sich hier das ganze Jahr abmelken lassen. Aus Spass fragte ich einen der bekannten "Gondollerie" Fahrer, was die romantische Runde auf seinen Holzkahn kosten würde: 80€ für 30 Minuten! Ohne weiteren Kommentar. Auch wenn es hier noch so viel Geschichte, Kunst und Kultur gibt, der Massentourismus, die damit verbundenen horrenden Preise, das oberflächliche Getue, das anlocken, feilschen und über den Tisch ziehen, haben hier überall einzug gehalten. Und wie schon oft erwähnt, ist dies nicht meine Welt. So ging ich bis zur "Ponte de Rialto", machte ein paar obligatorische Fotos fürs Album und ging dann zurück.



 Nun ging es erst richtig los. Aufs Fahrrad und ab. Die nette Dame von der Tourist-Info warnte mich aus Fürsorge vor der "Ponte de Liberta", die 5 km lange Brücke, die Venedig mit dem Festland verbindet. Autos, Züge, kein Radweg, wir haben hier viel Verkehr. Sie kann ja nicht wissen, das ich kilometerlang über albanische Autobahnen gefahren bin. Und als ich dann auf der Brücke war, stellte sich wieder einmal heraus, die meisten Warnungen von freundlich gesinnten Einheimischen sind übertrieben. Es gab einen Radweg, und auch ohne, wäre ich einfach rechts auf der Strasse gefahren. Die ersten Kilometer jauchzte und sang ich auf dem Fahrrad. Ich liess mich treiben, machte mir null Gedanken, ja ich spürte eine noch tiefere Art des Vertrauens. Auf der Mani hatte ich das Buch von P. Fermor gelesen " Die Zeit der Gaben". Daran erinnerte ich mich jetzt immer wieder, wie er im tiefsten Winter durch Deutschland ging, abends bei Bauern anklopfte, im Heu schlief. Auch er hatte wenig Geld, dafür aber viel Elan und ein grosses Ziel vor Augen.

So radelte es sich fast von alleine bis nach Treviso. Vor wenigen Monaten, hätte ich mir noch den Kopf zerbrochen, wo kann ich sicher und ordentlich schlafen. Heute nicht,nicht mehr. Nun begann ein weiterer grosser Abschnitt dieser Rückreise, das austesten der eigenen Grenzen und Hemmschwellen. Ich fuhr durch die Stadt und sah plötzlich eine Kirche. Sofort klickte es. Das Gebot der Nächstenliebe, hat die Kirche nicht eine alte Tradition, Reisenden, Pilgern und Bedürftigen Unterkunft und eine einfache Mahlzeit zu geben?? In gewisser Weise war ich von jedem etwas. Also klopfte ich. Ging hinein. Eine kleine Kapelle. Es erscheint eine Nonne, sie ruft nach einer weiteren die Englisch spricht. Ich erzähle meine Story. Sie fragt mich, ob ich ein Pilger sei. Wahrheitsgemäß antworte ich, zur Zeit nicht, nicht so direkt, aber vor 3 Jahren war ich auf dem Camino de Santiago in Spanien. Daraufhin nennt Sie mich "Friend". Sie geht in ein Büro und kommt mit einem handgeschriebenen Zettel zurück. Ein Empfehlungsschreiben von Ihr. Sie erklärt mir den Weg zu zwei kirchlichen Anlaufstellen.

Es ist nicht weit und finde es direkt, denke auf jeden Fall das ist es. Nachdem ich endlich eine offene Tür gefunden habe, lande ich im ersten Stock, vor einem Büro, an dem das Schild "Direttore" hängt. Ich zeige ihm den Zettel. Grosse Augen schauen mich an. Er kann kein Englisch. Aber ist gewillt mir weiterzuhelfen. Wir gehen wieder runter, er fährt mit mir mit dem Fahrrad zurück zu den Nonnen. Die freundliche "Friend-Nonne" hängt sich an das Telefon. Der Direktor, eine weitere Nonne und ich, stehen schweigend im Gang. 10 Minuten später kommt Sie  lächelnd aus ihrem Büro zurück. Sie hat einen Schlafplatz für mich. Der Direktor fährt mit mir vor das Kloster. Es ist gerade Andacht. Ich setze mich in die hintere Bank und warte. Danach kommt ein grosser und stämmiger Patre mit Glatze auf mich zu und begrüsst mich. Er kann ein paar Brocken Englisch. Um 19.15 sitze ich mit 5 Mönchen am Tisch. Vor dem Essen wird ein Gebet gesprochen, sich bekreuzigt. Ein älterer, etwas verdatterter Mönch, kann ganz gut deutsch, fragt mich ein paar Sachen zu meiner Tour. Alle sind sehr freundlich und herzlich. Um 21 Uhr liege in meinem Bett. Was für ein Start, was für ein erster Tag. Wie hätte ich erahnen können, das es in ähnlicher Form in den nächsten Tagen weitergehen würde.  

Update: Aktuelle Position

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank für Ihre Reise-Erfahrungen und eine Kritik zu schreiben.

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